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Published on Oktober 7th, 2012 | by Rostig

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Harveys neue Augen (Review und Kritik)

Harveys neue Augen (Review und Kritik) Rostig
Grafik - 60%
Sound - 80%
Gameplay - 90%

Summary: Gut: bösartiger Humor, skurille Charaktere, gut geschriebene Texte, sehr gute Sprecher, abgefahrene Ideen, hübsch inszenierte Story, niedliche Präsentation, innovatives Verbote-System, kein Kopierschutz Schlecht: Bugs und Grafikfehler aufgetreten, möglicherweise das abrupte Ende

76%


User Rating: 4.6 (1 votes)

Als der Quasi-Vorgänger „Edna bricht aus“ vor etwa drei Jahren erschien, avancierte der Titel aus dem Hause Daedalic Entertainment quasi über Nacht zum Geheimtipp und erlangte in kürzester Zeit Kultstatus. Nicht zuletzt lag das an dem Underdog-Charakter, den das liebevolle Adventure für sich verbuchen konnte. Grafisch präsentierte sich die Erzählung um die „leicht“ verrückte Edna außergewöhnlich minimalistisch – Hingerotzt und dennoch liebevoll schien die äußere Aufmachung, mit einfacher, großflächiger Kolorierung und spartanischer Animationsvielfalt. Zudem erlaubte man sich einen außergewöhnlich bösen Humor, der so ziemlich gar nicht in die bonbonbunte, infantile Aufmachung passen wollte. Zusammen mit der grandiosen Synchronisation und den durchdachten Dialogen konnte man die Gunst der Kritiker für sich gewinnen. Dass die Hamburger Spieleschmiede das Storytelling nach wie vor drauf hat, beweist jetzt auch „Harveys neue Augen“ – Skurille Todesfälle, abgedrehte, metaphysische Ausflüge ins Unterbewusstsein (Sigmund Freud wäre erfreut gewesen) und eine neurotische (aber nicht weniger liebenswerte) Heldin – Hausautor Jan „Poki“ Müller-Michaelis hat erneut eine charmant-boshafte Geschichte kreiert,  welche sich trotz viel Klamauk, intelligent und vielschichtig zeigt.

„Wo die Neurosen blühen, will ich Landschaftsgärtner sein“ Element of Crime

Wo man vormals die freiheitsliebende Edna gespielt hat, schlüpft man nun in die Rolle der introvertierten Klosterschülerin Lilli. Edna-Anhänger können jedoch beruhigt aufatmen, die schizophrene Heldin bekommt dennoch genügend Screentime und ist für die ein oder andere Plotwendung verantwortlich. Im Rampenlicht steht diesmal jedoch ihre Freundin Lilli. Der hübsche, kleine Blondschopf ist in höchstem Maße autoritätshörig und stets gewillt, die Aufgaben der strengen Klosteroberin Ignatz zu erfüllen. Doch weil Lilli furchtbar schusselig ist, bringt ihr ihr Enthusiasmus nicht den wohlverdienten Dank, sondern vielmehr Schelte von allen Seiten: Ihre Kommilitonen ächten sie als spießige Speichelleckerin und auch die Oberin selbst empfindet sie ob ihrer Tollpatschigkeit als lästige Plage. Weil Lilli aber ein süßes, braves Mädchen ist und brave Mädchen sich angemessen benehmen müssen, ist Lilli darüber hinaus vor allem eines:  Eine Meisterin im Umgang mit den gängigen Verdrängungsmechanismen.  Der kindlichen Unbefangenheit zum Trotz werden all die Missachtung und der Schmerz einfach in den hinteren Winkeln des Unterbewusstseins verstaut. Jene Kunst äußert sich mitunter darin, dass grausame Ableben ihrer Mitschüler schlicht und ergreifend mit rosa Farbe von den lustigen Zensur-Gnomen überpinselt werden. Einziger Lichtblick in diesem tristen Klosterleben ist Edna, Lilli´s einzige Freundin, die nach ihrem Ausbruch aus der Irrenanstalt im Kloster scheinbar Unterschlupf gefunden hat. Diese hat genauso viele Flausen im Kopf, wie bereits im Vorgänger – Sehr zu Lillis Leidwesen, die aber schlussendlich doch daran wächst (oder auch nicht, je nachdem, für welches Ende man sich entscheidet).  Die Freundschaft der beiden wird jedoch einer harten Bewährungsprobe unterzogen, als Ednas unsagbar böser Ex-Psychiater Dr. Marcel dieser auf der Spur ist. Edna denkt nämlich gar nicht daran, zurück in die psychiatrische Anstalt zurückzukehren. So muss Lilli ihrer Freundin anfangs noch dabei helfen, unentdeckt zu bleiben. Dieses Unterfangen mündet aber in eine (für Lillis Maßstäbe) gigantische Odyssee, in welcher sie ihre moralischen Grenzen nicht nur einmal grundlegend hinterfragen muss.

Steuern tut man Lilli in klassischer Point and Click Adventure-Manier, mit der Maus lotst man die Protagonistin durch die abwechslungsreichen, größenmäßig überschaubaren Areale. Hotspots werden mittels Leertaste durch „Harvey Augen“ im Miniaturformat angezeigt. Möchte man ein Objekt bzw. einen Hot Spot näher inspizieren, so genügt ein einfacher Rechtsklick. Meist erfolgt eine kurze Beschreibung vom grandiosen Erzähler (gesprochen von Götz Otto), welche in der Regel nicht ohne zynische Seitenhiebe auskommt.  Überhaupt: Die Protagonistin ist ein äußerst stilles Ding, welches im Laufe des Abenteuers nicht ein einziges Mal zu Wort gelassen wird.  Ob nun die Oberin Ignatz sie wieder ausschimpft, Edna ihr die Worte im Mund verdreht oder der omnipräsente Erzähler mal wieder einen süffisanten Gag auf ihre Kosten raushaut – Lilli bringt stets nur ein zaghaftes „Mmh—Mhh“ zustande.

Via Linksklick können verschiedene situationsabhängige Handlungen wie „Nehmen“, „Essen/Trinken“  oder „Benutzen“ ausgeführt werden. Die Kombinationsvielfalt ist allerdings deutlich eingeschränkter als noch bei Ednas Ausbruch, wo man mittels (an Maniac Mansion und Zack McKraken erinnerndem) Verb-Interface so ziemlich alles mit allem kombinieren oder gar mit Gegenständen plaudern durfte. Während die Rätsel im Vorgänger sich teilweise also nur mittels wildem Try&Error bewältigen ließen und rein logisch betrachtet teilweise recht grenzwertig lösbar schienen, spielt sich „Harveys neue Augen“ deutlich konventioneller, logisch erschließbar und stringent. Das mag für viele Die-Hard Fans ein Rückschritt sein, passt aber in meinen Augen zur grundlegenden Attitüde des Spiels. Lilly ist weder schizophren noch wagemutig und offensiv wie ihre Freundin Edna – Allzu verwegene Aktionen sind  also tabu, selbst dann, wenn der Off-Erzähler Lilli auf selbstironisch-referenzielle Art und Weise vom Gegenteil zu überzeugen versucht. Neu hinzugekommen sind kleinere Minispiele, die etwa an die Rätselspaß-Hefte aus dem Kiosk um die Ecke angelehnt sind – Das heißt also kleinere Denksport-Aufgaben wie etwa ein „Symbol-Sudoku“, ein rundenbasiertes Fantasy-Strategiespiel und andere Denkpuzzles sollen das Ganze ein bisschen auflockern.  Immer dabei ist der einblendbare, freundliche Tutorial-Polizist, der einem bereitwillig das „Wie?“ erklärt. In der Regel erschließen sich die kleinen Spielchen aber mit ein bisschen Tüftelei selbst. Wer jedoch partout keine Lust hat sich mit solchen Banalitäten aufzuhalten, kann diese Zwischeneinlagen schlicht und ergreifend überspringen.

Lilly vs. Hypno-Harvey

Innovativ hingegen ist das Feature sich mit seinem Unterbewusstsein zu konfrontieren und dem ausgeprägten Über-Ich (in Form von „Verboten“) ein Schnippchen zu schlagen. Erinnert ihr euch an Harvey? Den verrückten, blauen  Plüschhasen, den Edna im Erstlingswerk immer bei sich trug? Nun, in „Harveys neue Augen“ nimmt dieser eine deutlich andere Rolle ein. Um seine neuartige Hypnosetherapie in die Tat umzusetzen, hat Dr. Marcel den kleinen Racker nämlich ein wenig umfunktioniert – Mithilfe von  in die Augen eingepflanzten LED-Dioden fungiert der sonst sehr drollige Geselle nämlich als Hypnosemedium, welches die  Opfe… äh pardon Patienten gefügig macht und ihnen ein dickes Regelwerk aufbrummt. Prompt wird die ahnungslose Lilli zum Versuchskaninchen des wahnsinnigen Dr. Marcel. Fortan behindern diverse Psychoblockaden Lillis Rettungsaktion – Als sie sich beispielsweise selbst anzeigen möchte,  besteht das einzige Kriterium in Gewahrsam genommen zu werden darin, einen erhöhten Promillepegel aufzuweisen. Um das zu bewerkstelligen, muss sich Lilli  in der lokalen Kneipe ihres Vertrauens einen hochprozentigen „Volcano Berseker“ genehmigen. Da hat der olle Spielverderber-Harvey aber ordentlich was dagegen – Unmittelbar folgt die automatisch heruntergebetene Moralpredigt: „Aber Lilli, du weißt doch, dass Kinder keinen Alkohol trinken dürfen.“ – Im Laufe des Spieles gilt es also, diese inneren Dämonen zu besiegen.  Dazu muss Lilli sich in Selbsthypnose versetzen, um in ihrem verzerrten Unterbewusstsein die dämonischen Manifestationen Harveys (welcher jeweils stellvertretend für die einzelnen Blockaden steht) zu bezwingen. Erschwerend kommt aber hinzu, dass zu jedem Zeitpunkt immer nur eine „psychische Barriere“ überwunden werden kann. Daraus ergibt sich ein Spielelement, das einerseits erfrischend anders wirkt und auf der anderen Seite auch gut zum Grundtenor des Spiels passt. Spielzeittechnisch muss man mit etwa 10-12 Stunden rechnen – Genre-Veteranen werden deutlich schneller durch sein, dürfen sie aber ohne große Abstriche an der schönen Inszenierung ergötzen, während Anfänger sich über den zuweilen kniffligen, unterm Strich jedoch moderaten Schwierigkeitsgrad freuen dürfen. Vor den Kopf gestoßen werden sich viele hingegen von den drei möglichen Enden fühlen, die ähnlich abgefuckt und abrupt ausfallen, wie jenes von „Edna bricht aus“ – Eine vollständige Erschließung aller Fragen, die das Machwerk im Laufe seiner Geschichte aufwirft, wird es folglich nicht geben. Und auch wenn das Ganze hätte runder ausgestaltet werden können, so denke ich, dass auch dieses Element wie ein trockenes Understatement wirkt.

Und wie steht es um die technischen Werte?

Optisch behält „Harveys neue Augen“ den Look des Quasi-Vorgängers bei – Die cartooneske, handgezeichnete 2D-Grafik wirkt rotzig, laienhaft und trotzdem irgendwie niedlich und verspielt. Im Gegensatz zum Vorgänger erstrahlen Harveys neue Glupscher allerdings in feinster 1080p HD-Auflösung, die durchaus von Professionalität zeugt. Auf den grandiosen Götz Otto bin ich ja bereits im Vorfeld zu sprechen gekommen, doch auch den anderen Sprechern gilt mein Lob – Die machen ihre Sache nämlich allesamt gut bis hervorragend und verleihen den Charakteren sichtlich mehr Profil. Der Soundtrack ist gelungen und erinnert in seinen ruhigen Minuten an Yann Tiersens Kompositionen aus der „fabelhaften Welt der Amelie“, scheut sich aber auch nicht, in dramatischen Situationen bedrohliche Orgel-Wände aufzufahren. Auch der von „Poki“ höchstselbst eingesungene Titeltrack „Nadel und Faden“ (inkl. liebenswerter Grönemeyer-Affektiertheit) ist ein absoluter Ohrwurm für all jene, die chansonesken Klängen etwas abgewinnen können. Sympathieboni erhält das Entwicklerteam nicht zuletzt auch aufgrund fehlender technischer Kopierschutzmechanismen. Stattdessen liegt eine an selige Adventure-Zeiten erinnernde Drehscheibe bei, bei deren Anblick sich sogleich ein nostalgisches Kribbeln in der Magengegend breitmacht.

Das alles klingt fast zu perfekt? Tatsache, denn ein paar größere Bugs vermochten ab und an doch, die Euphorie ein bisschen zu bremsen. Vor allem zum Ende hin gab es auf meinem System (Samsung R60 Notebook, Windows 7) beim Übergang in die Traumwelten öfters Aussetzer, bei denen sich zwei Areale ineinander überschnitten und großflächige Artefakte ein Weiterspielen unmöglich machten. Mitunter gab es auch Probleme beim Laden der Savegames – Ich gehe allerdings fast davon aus, dass es sich um systemspezifische Probleme handelt, denn ähnliche Erfahrungen konnte ich in den Weiten des Netzes bislang nicht ausfindig machen.

Fazit: „Harveys neue Augen“ ist trotz seiner kindlich-trashigen Aufmachung ein trippiges, groteskes, bösartiges, vor allem aber urkomisches Gag-Feuerwerk. Daedalic haben das Geschichten erzählen nicht verlernt. Edna-Vater Jan „Poki“ Müller-Michaelis hat hier seine ganz persönliche, kreative Spielwiese erschaffen:  Subversiver Klamauk trifft auf feinsinnige, pointierte Dia- und Monologe.  Vor allem Götz Otto als Kommentator aus dem Off, der stets einen trockenen Spruch auf den Lippen hat, passt einfach unglaublich gut in die Geschichte hinein und sorgt nicht nur einmal für großes Gelächter vor dem Monitor. Und doch steckt trotz all der Albernheit irgendwo auch eine gewisse Tragik, eine ordentliche Portion Wehmut dahinter. Lilli ist eben doch ein armes Mädchen, welches ihre Ängste und ihren Frust in sich hineinfrisst und im Grunde genommen daran scheitert. Zwar kann das Abenteuer dem ganzen seine witzige Seite entlocken, aber für sich genommen ist das nichts Schönes – und das schimmert durch sämtliche Fassaden hindurch. Das macht „Harveys neue Augen“ aber mitunter auch so facettenreich. Spielerisch präsentiert sich die Geschichte deutlich reduzierter als noch bei „Edna bricht aus“ – Für viele eine Verschlimmbesserung, empfinde ich das Ganze als zweckorientierter, zumal ich mich nicht ewig durch ein Spiel kämpfen möchte. Der Titel hat seine fordernden Stellen, vermag aber auch Einsteiger zu motivieren und insgesamt betrachtet sind die Kopfnüsse hier stimmiger.  Abgesehen von den Bugs, die scheinbar aber nur bei mir in diesem Umfang aufgetreten sind, wüsste ich keine nennenswerten Schwächen, die sich “Harveys neue Augen” zu leisten wagt. Wer auf Point and Click-Adventure steht, dem sei geraten, hier zuzugreifen. Neben dem Vorgänger ist das aberwitzige „Harveys neue Augen“ das beste Beispiel dafür, dass das Adventure-Genre noch lange nicht tot ist und dass es durchaus Vertreter gibt, die in die gewaltigen Fußstapfen der ehemaligen Lucas Arts-Titel treten können.

Getestete Version

PC (Version 1.0)

Sprachen

Deutsch

Schnitte

Ja (bzw. Nein)

Multiplayer & Sonstiges

- Kein Multiplayer

- In der Erstauflage liegt eine Soundtrack-CD bei

- Die Erstauflage kommt in einer “Flapbox” (kartonierte Umverpackung)

- kein technischer Kopierschutz (stattdessen Retro-Drehscheibe)

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