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Published on Oktober 7th, 2012 | by Rostig

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Lollipop Chainsaw (Review und Kritik)

Lollipop Chainsaw (Review und Kritik) Rostig
Grafik - 60%
Sound - 100%
Gameplay - 70%

Summary: Gut: Suda51, grandioses Setting, sympathische Protagonisten, fetziger Soundtrack, Suda51, irrsinnige Dialoge, viel Bonusmaterial, intuitiv-solides Hack&Slay... Schlecht: ...dass sich leider ein bisschen zu langsam spielt, matschige Grafik, ab und an bockige Kamera, seltsame Kollisionsabfrage, geringe Spielzeit

76%


User Rating: 2.5 (1 votes)

Goichi Suda aka Suda51, das Enfant Terrible der Videospielindustrie (u.a. verantwortlich für das grandiose Killer7) meldet sich rund ein Jahr nach der mexikanischen Dämonen-Schlachtplatte Shadows of the Damned zurück und entfacht mit Lollipop Chainsaw abermals ein knallbuntes, irres Feuerwerk des radikalkreativen Klamauks. Wie auch die anderen Titel im Grasshopper-Portfolio ist Lollipop Chainsaw ein zitatreicher Nischentitel wie er im Buche steht, der sich in erster Linie an eine Gruppe von Spielern wendet, die sich bewusst auf diesen kalkulierten Blödsinn einlassen können – Es ist quasi ein spielgewordener Troma-Titel,  der humortechnisch auf der Skala zwischen albern und geisteskrank pendelt. Nicht zuletzt ist dafür Hollywood-Regisseur und Drehbuchautor James Gunn, verantwortlich, der neben der Inszenierung des Big Budget-Schleimspaßes Slither tatsächlich auch das Script zu Tromeo&Julia  verfasst hat, welches über das „renommierte“ New Yorker Trashlabel veröffentlicht wurde. Die Referenzen für einen herrlich kurzweiligen Trip durch die Trümmer der San Romero (eine der zahlreichen Anspielungen) High-School sind also gegeben.

Der achtzehnte Geburtstag verläuft für die junge Zombie-Jägerin, Juliet Starling,  nicht ganz so, wie sie es sich vorgestellt hat. Der gemütlichen Geburtstagsparty innerhalb der Familie macht die durchgeknallte Gothic-Heulsuse Swan zwecks Befriedigung der eigenen Hybris einen Strich durch die Rechnung, als sie mittels eines okkulten Rituals die Pforten zur „Dimensionen der  Verrottenden“ öffnet,  um sich mit der folgenden Invasion von Untoten an all jenen Mitschülern zu rächen,  welche sie im Laufe ihres schulischen Werdegangs gepiesackt, gedemütigt und ignoriert haben. Nicht nur bezahlt Juliets alter Lehrmeister Morikawa-Sensei mit dem Leben sondern auch ihr Freund, der ungemein sympathische Jock Nick, fällt einem Zombieangriff zum Opfer, als er seine Angebetete beschützen will.  Das hingegen wäre gar nicht nötig gewesen, denn die junge Dame zeigt sich äußerst schlagkräftig – Mit Pompon, Charme und Kettensäge (mit integriertem Telefon) befördert sie die Untote Brut dahin, wo sie hingehört, nämlich unter die Erde. Um der Zombifizierung Nicks Einhalt zu gebieten, wird der Rumpf des Schönlings kurzerhand vom Körper getrennt und mit ein wenig Magie auf einem Sockel befestigt, wo er fortan als Schlüsselanhängerartiges Accessoire an der Hüfte baumelt, um die Metzel Orgie mit schlauen Sprüchen zu kommentieren oder aber hin und wieder als explosiver „Wegbereiter“ auch mal den aktiven Part zu übernehmen.  Tatkräftige Unterstützung erhält Juliet zudem von ihrer Familie, die ebenfalls der Zunft der Zombiejäger angehören – Da wären der kantige Papa Starling, der wie der Prototyp eines Bikers anmutet;  die hyperaktive, nervenzerrende Göre Rosalind, die erfahrene Cordelia und last but not least: Mrs. Starling, die in ihrer Rolle als besorgte Mutter natürlich immer wieder mal gerne das Telefon bemüht. Bei der Charakterisierung der Familie äußert sich auch der krude Humor, der sich wie ein roter Faden durch das Spiel zieht – Wenn etwa bei der Einführung von Rosalind als größter Wunsch aufgeführt wird Justin Bieber zu treffen … und seinen Schädel ihrer Sammlung von Totenköpfen hinzuzufügen, dann kommt man um ein herzhaftes Lachen nicht umhin. Popkultur-Reminiszenz trifft auf Dekonstruktion der selbigen, geile Scheiße, vorausgesetzt man steht auf diesen deftigen Zotenhumor.

Wo sich aber das ganze Drumherum in seinen anarchisch-kreativen Geschmackslosigkeiten (auf positive Art und Weise) überschlägt, bleibt der spielerische Kern relativ konventionell. Es ist ein mehr oder minder klassisches Hack&Slay, welches durch und durch solide Hausmannskost bietet. Im naheliegenden Vergleich zu Bayonetta geht es bei Lollipop Chainsaw wesentlich betulicher zur Sache und dann auch, ohne je den Anmut und die Eleganz von SEGAS Hexe zu erreichen. Auch hinsichtlich des Move-Repertoires kann Juliet es nicht ganz mit den Größen des Genres (e.g. God of War, Devil May)  aufnehmen. Besonders eingangs machen sich die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten bemerkbar – Außer ein paar Pompon-Schlägen, um die Zombies zu paralysieren,  einem Kettensägen-Schwinger, um sie ihrer Gliedmaßen zu berauben und einem Bocksprung über die Gegner geht da nicht viel. Beim Ableben der modrigen Zeitgenossen purzeln Zombie-Medaillen aus ihnen, mit welchen man in entsprechenden „Chop2Shop.zom“-Shopping Terminals neue Angriffs- und Defensivmoves erwerben kann. Darüber hinaus können in dem Lädchen neue Upgrades für Juliet erworben werden, welche etwa den Gesundheitsbalken erweitern, die Regeneration beschleunigen, oder aber die Zielgenauigkeit und Kampfkraft erhöhen, ebenso nützliche Utensilien à la  Nick-Tickets (dazu später mehr), Munition (ja, die Kettensäge fungiert im späteren Verlauf auch als schrotflintenähnliche Fernkampfwaffe) und neue Kostüme, Musikstücke und Concept Artworks – Für diese Boni sind in der Regel allerdings Platinmünzen notwendig, die es in der Regel für Combos oder erledigte Bosse gibt. Schafft man es mindestens drei Zombies zeitgleich zu erledigen oder hintereinander die Rübe wegzupusten, erhält man 1+ Platinmedaille(n). Durch die zusätzlichen Angriffsmöglichkeiten hält zudem ein bisschen mehr  Frische Einzug in die teils zu routiniert ablaufenden Kämpfe – Wirklich nötig dürften sie allerdings nur für die höheren Schwierigkeitsgrade sein, denn zumindest auf „Normal“ kann man mit der anfänglichen „Draufhau“-Kombi ohne weitere taktische Vorgehensweise gut durchkommen, ohne auch nur einen „Kratzer“ abzubekommen.



 

Um dem geneigten Zombiehunter doch noch etwas mehr Abwechslung zu offerieren, gibt es abseits der reinen Zombie-Schnetzelei noch diverse Minispielchen – Mit der Zeit wird die Kettensäge neben der genannten Fernwaffenfunktion auch um eine Slide-Funktion ergänzt, mit der man kurze Passagen schneller zurücklegen kann und an einigen Stellen mithilfe von „Regenbogen-Rampen“ Abkürzungen nehmen oder zusätzlich sammelbare Objekte ergattern kann.  Hin und wieder muss man auch an einer gepflegten Runde „Zombie-Basketball“ bzw. „Zombie-Baseball“ partizipieren, was in der Regel in nette Quick Time Event-Reaktionsspielchen mündet, an denen oftmals Nick unfreiwillig seinen Kopf herhalten muss. Auch die Nicklottery (wofür die Nick-Tickets vonnöten sind) zieht den armen Burschen oft in Mitleidenschaft, da wird sein Haupt geworfen, geschüttelt und „gepoppt“ (nicht falsch verstehen ;-)), dass sich die Balken biegen. Im Fulci Fun House darf man sich hingegen an Pseudo 2D-Minispielchen versuchen, die durchaus stilsicher in den Gesamtkontext eingebettet sind.

Dass der Spagat zwischen irren Settings und einem dynamischen Gameplay funktionieren kann, hat der Quasi-Vorgänger Shadows of the Damned bereits (u.a. bei den extrem spaßigen Bosskämpfen) gezeigt. Sudas Werke mögen für Außenstehende aufgrund einiger technischer Unzulänglichkeiten immer ein wenig spröde wirken – Das war bei der Killer7 schon so, bei den No More Heros-Titeln  und das hat sich auch 2012 bei Lollipop Chainsaw nicht geändert. Die Kameraperspektiven sind mitunter nervenaufreibend, das Anvisieren der Gegner  sowie die Kollisionsabfrage klappt auch nicht immer wie gewünscht und generell sind die Texturen eher matschig als gestochen scharf.  Und während die Hauptfiguren und Bossgegner durchaus hübsch animiert sind,  ist es um die zahlreichen Standard-Gegnertypen anders bestellt – Charaktermodelle mit wenig Polygonen und hölzernen Bewegungen kraxeln durch das Bild. Durch den semi-cel shadigen Look fallen diese Mankos aber erheblich weniger ins Gewicht – Im Gegenteil: Auch das passt zum „Gesamtkunstwerk“ und wirkt wie eine Mischung aus einem trashigen Comic des Weißblech-Verlages und alten Exploitation-Streifen.

Was den Gorefaktor anbetrifft: Zwar wird in Lollipop Chainsaw mächtig viel geschnetzelt und da fliegen auch schon mal die einen oder anderen Glieder durch die Gegend – Aber auch zartbesaitete Seelen dürfen sich an diesen Trip wagen – Statt Blutbädern gibt es Hektoliter pinke Herzen, die aus den modrigen Körpern sprießen – Vermutlich auch ein Grund dafür, warum LC von der FSK mit einer 16er-Freigabe davongekommen ist.

Dazu gesellt sich ein kongenialer, stilsicherer Soundtrack, bei welchem ich Warner  Interactive anraten möchte, ihn als separaten OST in die Ladenregale zu bringen. Neben dem naheliegenden Evergreen „Lollipop“ von den Chordettes winken ebenso hübsche Punk/New Wave-Songs (z.B. das fetzige „Cherry Bomb“  von Joan Jett and the Blackhearts) wie auch diverse namhafte Electro- und Metalacts. Für die originale Sounduntermalung ist wie schon bei SotD Mastermind Akira Yamaoka zuständig, den man als japanophiler Videospieler mittlerweile kennen dürfte (u.a. für Silent Hill). Auch hier liefert er in den ruhigen Momenten atmosphärisch dichte Klanglandschaften – Dieses Mal teilt er sich die Arbeit allerdings mit Jimmy Urine, seines Zeichens Fronter der US-Punkband Mindless Self Indulgence, der sich vor allem für die straighte Bosskampf-Mucke verantwortlich zeigt. Die englische Sprachausgabe ist durchweg gelungen, auf eine deutsche muss man (glücklicherweise) verzichten. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie ein „What the dick?“ oder andere Vulgaritäten im Deutschen klingen würde, wenn sie denn nicht zugunsten der „Political Correctness“ komplett weggeschnitten werden würden.

Wenn wir doch schon bei Musik und Bosskämpfen sind: Auch die überdrehten „Vorboten der verrottenden Dimension“ sind eine herrlich schwachsinnige Persiflage auf diverse Musikgenres und Subkulturen – Seien es der autodestruktive Punker „Zed“, der den Gegner mit wüsten Beschimpfungen auszuknocken versucht, Vikke, der Viking Metal-Fürst der selbiges mit dem Einprügeln auf sein gewaltiges Drumset zu tun gedenkt oder aber der groovige Josey, Herr über das Fulci Fun Center (eine Art überdimensionale Spielhalle, zudem noch eine Anspielung auf den bekannten italienischen Horrorfilmregisseur), der den Funk im Blut hat und auf die Parlaments steht. So schrill und wahnsinnig diese Figuren aber auch sein mögen, die Kämpfe sind es leider Gottes nicht – In der Regel reicht stupides Draufknüppeln in jeweils drei Durchgängen mit abschließendem Finishing Move um sich der unliebsamen Gestalten zu entledigen. Das kreative Potential, das sich zu jedem Zeitpunkt bemerkbar macht, hätte mitunter auch in die brachial inszenierten Kämpfe einfließen können. Bis man im Übrigen dem Zombie aller Zombies, Killabilly, den Garaus macht, vergehen keine sechs Stunden auf normalem Schwierigkeitsgrad. Das ist schade, allerdings lassen sich die einzelnen Passagen separat anwählen, sodass Highscore-Jäger im Ränge-Modus noch ein paar Stunden mehr Spielzeit aus dem Titel schöpfen können, ebenso wie es unter bestimmten Voraussetzungen noch ein anderes Ende zu sehen gibt. Und Butter bei die Fische und ein kleiner äußerst unobjektiver Seitenhieb am Rande: Ich investiere lieber unterhaltsame sechs Stunden  in eine Trashgranate wie Lollipop Chainsaw als in eine achtstündige Kampagne des hunderttausendsten Shooter mit dem immer selben Szenario.

Fazit: Lollipop Chainsaw ist 100 % Suda51 – Rotzig. Laut. Durchgeknallt. Bunt. Irre. Frivol, stilsicher und äußerst charmant. Derart charmant, dass man gepflegt über die vielen kleinen Grasshopper-typischen Unzulänglichkeiten hinwegsehen kann.  Juliet Starling spielt sich behäbiger als ihre Kollegin Bayonetta oder ein gewisser dauerzorniger Spartaner, hat stellenweise mit einer etwas seltsamen Kollisionsabfrage zu kämpfen und bietet mit etwa sechs Stunden Spielzeit etwas wenig fürs Geld.Aber die durchgehende, pausenlose Over-the-Top Action, die herrlich irrsinnigen Dialoge und Settings und die vielen kleinen popkulturellen Zitate und Anspielungen haben mir derartigen Spaß bereitet, dass ich nicht umhin komme, all den Nerds und Otakus da draußen eine uneingeschränkte Empfehlung   auszusprechen. Ich bewundere Warner Interactive für ihren Mut, diesen nicht ganz massentauglichen Titel auch hierzulande veröffentlicht zu haben und ja, ich bin ein Suda51-Fanboy.

Getestete Version

Xbox360, Promofassung

Sprachen

Englische Synchronisation, deutsche Untertitel

Schnitte

Nein

Multiplayer und sonstiges

Weltranglisten-Funktion

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3 Responses to Lollipop Chainsaw (Review und Kritik)

  1. BobQuentok says:

    Das Spiel ist noch auf meiner Wunschliste :D
    (PS: Euer Design gefällt mir echt gut :>)

  2. Nero says:

    Herzlichen Glückwunsch! Du bist Erstkommentator auf CouchHeroes :D
    Leider haben wir jetzt keinen Preis für dich :D Und danke für’s Feedback, ich gebe mir Mühe die Seite noch ein wenig zu optimieren und dann etwas mehr Publik zu machen. :)

  3. Pingback: Killer is Dead (Review und Kritik) | CouchHeroes

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