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Published on Oktober 11th, 2012 | by Özkan Isik

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Die Wüste der Innovation – Teil 1: Spielewelten

Und schon wieder jemand, der über den Mangel an Innovation in Videospielen meckert. Warum es aber immer noch komplett gerechtfertigt ist, eben das zu tun; und warum JJ einen Brief an den Weihnachtsmann schreibt, obwohl doch erst Oktober ist, erfahrt ihr hoffentlich in diesem Artikel.

Hat sich eigentlich schon mal jemand die Frage gestellt, warum wir – was die Umgebung angeht – im Prinzip immer dasselbe Spiel spielen?

„Was? Ey, jedes Spiel ist voll unterschiedlich, ja? Hast du überhaupt jemals ein Gamepad angefasst, was fällt dir ein, alles Lüge! Blablabla. Du spielst doch nur Sims und guckst ‚Barbie – Life In The Dream House‘ im Internet! Blablabla. Wir lassen dich nicht ausreden, du bist ein Mädchen und Mädchen riechen nach Lavendel. Blablabla.“

Ist richtig. Trotzdem ist es Fakt, dass gerade in Ego-Shootern das Recycling von Umgebungen an alleroberster Tagesordnung steht. Zeit, Mühe und Speicherplatz sparen –natürlich. Ist auch kein Problem, darauf will ich auch gar nicht hinaus. Dennoch spielt man im Endeffekt doch immer wieder dieselbe Map, bloß ein bisschen anders. Im Allgemeinen scheint es nur wenige verschiedene Arten von Territorien in Videospielen zu geben: Wüste, Stadt, Land, Wasser, in der Luft/Space, Dschungel und Arktis.

Spieleentwickler scheinen ratlos, schließlich ist das ja auch alles, was uns dieser Planet (und Umgebung) zur Verfügung stellt. Doch selbst, wenn wir diesen Spaceboob namens „Erde“ verlassen, wirklich viel ändert sich auch nicht. Beispiel Lost Planet und Avatar: Wenn der fremde Planet nicht praktischerweise schon ähnliche Lebensbedingung hat wie die Heimat, dann machen wir uns das eben schnell mit neuen technischen Errungenschaften und führen dann da wie gewohnt Krieg. Nur halt mit anderen Gegnern, die viel cooler sind, weil ist ja ein anderer Planet.

Wenn aber auf einem fernen, fernen Planeten unterm Strich auch wieder nur Dschungel, Eis und die anderen genannten – und gewohnten – Umgebungen anzutreffen sind, und die einzigen Veränderungen fettere Gegner und menschenfressende Pflanzen sind, dann fühlt man sich entweder total verarscht, oder denkt nicht weiter darüber nach und hat trotzdem Spaß. Oder beides. Aber man hat eben genau diesen Spaß, den man auch hat, wenn man ein Spiel spielt, dessen Handlung innerhalb der Erdatmosphäre abläuft. Warum also extra einen vollkommen neuen Planeten erfinden, der Hunderttausendmillionen Lichtjahre weit entfernt liegt, wenn man das alles auch zuhause hat? Und jetzt lassen wir die Story mal außer Acht, denn in diesem Text geht es um die Innovation im Spielerlebnis und nicht um die Kackstory, die sich irgendein Writer beim letzten Toilettengang bei SciFi-Buchautoren abgeguckt hat. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass diese Planeten einfach nur ein Klimagebiet der Erde ALS GANZER PLANET sind.

Und dabei braucht man als Entwickler ja gar nicht so weit zu gehen! Wir haben die coolsten Umgebungen doch gleich um die Ecke. Okay, der Mond wäre jetzt nicht so cool und gehört ja im Grunde auch noch mit zur Erde, aber man braucht doch nur einmal die Nachrichtensender von RTL und Pro7 einzuschalten und schon hat man genug Endzeitszenarien und Verschwörungstheorien gesehen, um gleich 50 neue Spiele auf den Markt zu werfen. Außerdem muss man ja wirklich hinterm Mond leben (höhö), um nicht mitbekommen zu haben, dass die NASA die erste bemannte Rakete in Richtung Mars schon lange geplant hat – und der ist sogar als nächster Planet für die Zerstörung durch die Menschheit vorgesehen, wenn wir mit diesem hier erst mal fertig sind. Perfekte Bedingungen also für einen Shooter auf dem roten Planeten. Und wenn Sandstürme, Sonnenstürme und unterirdische Häuser, um sich vor eben jenen zu schützen, auch nicht reichen? Auch kein Problem! Ist ja nicht der einzige Planet im Sonnensystem! Ich hätte da noch den Merkur im Angebot. Viel zu sehr unterschätzt. Wie beim Mars ist auch hier Verdacht auf Eis irgendwo unter der Oberfläche, also rein theoretisch wäre auch dort Leben – und Krieg, vor allem – möglich. Aber nicht nur das, nein, der Merkur ist von allen Planeten hier (Was übrigens auch alle wären, die wir als Menschen realistisch irgendwann mal erreichen könnten, ohne unseren Ursprung komplett zu verlieren.) der nächste zur Sonne! Noch geilere Sonnenstürme und ein Tag dauert ein halbes Erdenjahr! Es ist – logischerweise – enorm Heiß, Atmosphäre ist kaum vorhanden und man kann darüber streiten, was einen zuerst umbringt: Die Hitze, oder der Druck, der auf einen lastet (jetzt mal abgesehen von dem seelischen Druck durch den Spacekrieg mit fetten Gegnern und den Schuldgefühlen, weil jeder 7jährige sich die Story hätte ausdenken können). Der Merkur ist aber auch schon alleine deswegen interessant, weil der Eisenkern irgendwie 3x so groß ist, wie der von der Erde und dabei ist Merkur total klein; man geht unter anderem davon aus, dass durch einen riesigen Asteroideneinschlag das meiste von seiner Oberfläche weggesprengt wurde. Voll interessant!

Und nicht nur das, die meisten Planeten unseres Sonnensystems (also eigentlich alle, außer die, die nicht mehr als Planeten gelten, oder die, die zu den Gasplaneten gehören und somit aus Gas bestehen und auch jovianische Planeten genannt werden. Haben wir wieder was gelernt.) sind übersäht mit riesigen Kratern, bei denen du nicht mehr weißt, ob du jetzt im Krater eines Kraters, oder im Krater eines Kraters, in einem Krater bist! Und das ist einfach viel realistischer und unglaublich viel cooler als ein Eisplanet, den keiner kennt, in einem anderen Sonnensystem, das keiner kennt, ohne Atmosphäre aber – voll logisch – mit Wasser, wo wir mit Hubschraubern drüber fliegen können! Und cooler als ein dummer Dschungelplanet, auf dem blaue Indianer, die mit ihren Haaren Sex haben, leben. (Wenn ihr mich fragt, war da noch ein ganz anderer blau.)

Mein Problem ist einfach, dass ich gerne mehr Abwechslung hätte, als neue Gegner. Wieder einmal fehlt es der Industrie an Innovation. Lieber 10.000x dasselbe Prinzip und dieselbe Story verwursten, als einmal etwas Neues zu wagen, mal mit Wissen und Recherche zu überraschen und dafür auch gerne mal eine neue Engine zu entwickeln, damit man eben nicht mit der Erklärung leben muss, dass dieser Planet jetzt eben zufällig aussieht wie die Antarktis, oder dass irgendeine Technik entwickelt wurde, dass wir auf dem Planeten dieselben Bedingungen haben. Ist doch langweilig. „Was Neues probieren“ hat bei Dead Space doch auch geklappt – ziemlich gut sogar.

Lieber Weihnachtsmann,

Ich war die letzten 20 Jahre meines Lebens eigentlich ziemlich brav (sofern Zynismus, Sarkasmus und Ironie – sowie Leute verarschen und allen die Meinung ins Gesicht sagen als „brav“ gelten) und wünsche mir deshalb im Gegenzug von dir:

- Ein Dead Space ohne Gruselmonster, auf dem Merkur, im Spacekrieg mit der Coolness von Halo.

- Die DVD von ‚Barbie – Life In The Dream House‘

Das ist ja nun wirklich nicht zu viel verlangt.

MfG

J

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2 Responses to Die Wüste der Innovation – Teil 1: Spielewelten

  1. Kasoki says:

    Einen solchen Beitrag hätte ich ja nun eher auf einem Personal Blog erwartet aber gut. Der offensichtliche Grund warum alles immer gleich ist ist einfach: Profit. Spiele werden von Unternehmen entwickelt und Unternehmen arbeiten normalerweise nach dem ökonomischen Prinzip (Was absolut nicht verwerflich ist) dementsprechend hat Gewinnmaximierung oberste Priorität. Es ist einfach deutlich kostengünstiger immer wieder das gleiche zu verkaufen (Vor allem weil es sich auch immer gut verkauft) als sich für jedes Spiel etwas neues einfallen zu lassen. Spiele sind (oft)Massenfabrikationen (leider) und damit rein für den Konsum entworfen. Etwas zu wagen ist riskant und dementsprechend versucht man beim altbewährten zu bleiben, verkauft sich ja wie erwähnt auch prächtig.

    Da du es offensichtlich nicht gemerkt hast (sonst würdest du wohl nicht eine neue Engine vorschlagen) laufen die meisten Spiele auch auf der aktuellen Konsolen-Generation (also auf 7 Jahre alter Technik) und sind dementsprechend immer veraltert (Aus technischer Sicht).

    Der Industrie fehlt es an Innovation? Ja wenn man nur Mainstream-Kram ala “Halo” (Yet-Another-Shooter) spielt verfehlt man offensichtlich auch einige Games die meiner Meinung nach wirklich Innovation zeigen. Die einzigen die es i.d.R. noch schaffen Risiken einzugehen (und damit oft Innovation bringen) sind Indie-Developer (leider auch nicht alle), einige entwickeln Spiele sogar primär um der Spiele willen und weniger aus ökonomischer Sicht. Ansonten bzgl. Stories, ebenfalls relativ offensichtlich: Die meisten Spieler sind Casuals wollen also defacto nichts anspruchsvolles und spielen lieber Games die nur ein paar Stunden dauern, kaum Tiefe haben und die Story eines “7 jährigen” benutzen.

    Zum Merkur: Dank des niedrigen Luftdrucks und der hohen Temperatur ist Leben auf diesem Planeten nur schwer vorstellbar, selbst wenn wir Atemluft mitbringen und Schutzvorrichtungen gegen die immense Hitze hätten gäbe es noch genug Probleme mit radioaktiver Strahlung von der Sonne.

    Und zum Abschluss: Ich hoffe mit “Spieleentwickler” sind die Produzenten gemeint und nicht die armen Männer und Frauen die das Ding schreiben, am Design (Also wie das Spiel sich spielt, wie die Welt aussieht etc.) sind i.d.R. die Gamedesigner schuld. Mangelnde Features jedoch liegen in 9/10 Fällen an einem BWLer die wie erwähnt weniger das Produkt und mehr den Gewinn im Auge haben ;).

    Mit freundlichen Grüßen

    Kasoki

  2. JJ says:

    Lieber Kasoki,

    danke für deinen Kommentar, es freut mich sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, die Kolumne zu lesen.

    Mir ist durchaus bewusst, dass der Mangel an Innovation aus ökonomischen Gründen ensteht. Den Gamern allerdings vorzuwerfen, sie seien alle “casual” und hätten kein Interesse an einer ausgefallenen Story, halte ich jedoch für bedenklich. Hier möchte ich einmal die Filmindustrie als Beispiel nehmen, wenn alle Menschen nur noch Filme mit dem Storyniveau von “Avatar”, “Romeo und Julia” oder “Transformers” sehen wollten, dann würde es keine Filme wie “Inglorious Basterds” oder “True Grit” mehr geben. Natürlich spielen diese Filme nicht so viel Geld ein, wie das typische Hollywood-Klischee-Fabrikat, jedoch haben auch sie ein Publikum und machen Profit.
    Bei der Spieleindustrie kann man eigentlich dieselben Maßstäbe setzen. Deshalb ist es Schade, dass die Produzenten nicht den nötigen Mut haben, ein gutes neues Spiel zu entwickeln und deshalb oft Elemente aus anderen Spielen kopieren.

    Natürlich ist Halo auch nur ein Shooter, dafür aber ein Shooter mit einer großartigen und sehr komplexen Story. Das Spiel gibt dem Spieler ausserdem eine enorme Menge an eigenen Möglichkeiten und Abwechslungen und hebt sich deshalb schon von anderen Shootern wie bspw. CoD oder Ähnlichen ab.

    Zudem möchte ich sagen, dass es die Spielereihen, die wir haben, bevor sie auf den Markt gekommen sind, auch noch nicht gegeben hat und somit in dem Sinne innovativ waren. Ich sage auch gar nichts gegen die einfache Produktion von Spielereihen, welche sich so oder so jedes Mal gut verkaufen, aber nebenbei kann man doch von dem ganzen Gewinn auch mal ein “Portal” machen. Am Rande bemerkt ist es beeindruckend, wie weit gefächert das Spektrum einer Engine sein kann. Vielleicht muss man nicht immer gleich eine neue erfinden, kann man aber. Und wenn halt nicht in der derzeitigen Konsolengeneration, dann hoffentlich in der nächsten.

    Profit und Risikoverringerung sind offensichtlich die Gründe für die fehlende Innovation, das ist mir auch klar und ich bereue es, es nicht untergebracht zu haben, jedoch sind das für mich keine guten Entschuldigungen. Wenn man ein gutes Konzept hat und genügend Geld (was Publisher haben), dann sollte es kein Problem sein ein gutes Spiel herauszugeben. Hat bei Assassins Creed ja auch funktioniert, sonst hätten sie die Reihe ja auch nicht ausgebaut. Auch sieht man an dem Erfolg von Indiegames, wie sehr neue Konzepte gefragt sind! Ich erwarte nicht die optimale Grafik, mir geht es um die Stories, und die sind ja dann doch eher auf Hollywood-Niveau. Besonders im Schooterbereich. Um des es mir in dem Text primär ging.

    Offensichtlich muss ich noch ein bisschen daran feilen, was ich in den Text einbringe und was nicht, aber das war ja auch erst Teil 1. (Teil 2 handelt dann wahrscheinlich über die ökonomischen Faktoren;)

    Danke für deine konstruktive Kritik, das hat mich sehr gefreut und ich werde sie mir zu Herzen nehmen! :)

    JJ

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