Reviews

Published on November 1st, 2012 | by Rostig

0

The Wrestler (Review und Filmkritik)

Darren Aranofsky gehört neben David Fincher (Sieben, Fight Club), Stephen Sonderbergh (Traffic) und einer Handvoll anderer Filmemacher mit seiner unverwechselbaren Handschrift und seinem Hang zu eher unkonventionellen Stoffen zu  einer Riege Regiesseure  die gemeinhin als Vertreter des sehr abstrakten Begriffes „New New Hollywood“  gelten.  Sorgte Aranafosky bereits mit seinem eigenwilligen Erstling „Pi” auf dem Sundance Festival für Aufsehen,  untermauerte er seinen Ruf als absoluter Ausnahmeregiesseur spätestens mit dem sperrigen Drogenthriller „Requiem for a Dream” und dem darauffolgenden „The Fountain“.

 

Mit „The Wrestler” verläuft Aranofskys filmographischer Pfad in eine gänzlich andere Richtung. Lag das Augenmerk bei Aranofskys Vorgänger Machwerken auf der markanten Ästhetik  -  der äußeren Form,  so liegt der Schwerpunkt bei dem vorliegenden Machwerk auf der narrativen, und minimalistisch-inszenatorischen Ebene.  Wer visuelle Effekthascherei erwartet ist hier falsch, stattdessen setzt  „The Wrestler”  auf eine einfühlsame, zerbrechlich wirkende und bedächtig und unaufgeregt erzählte Geschichte. Fein gezeichnete  Rollenprofile,  menschlich überzeugend agierende  Darsteller rechtfertigen den „Goldenen Löwen” , welchen der Film in Venedig ergattert hat.

 

„The Wrestler” erzählt vom Schicksal des physisch und psychisch zerrütteten (Ex)-Profiwestlers Randy „The Ram” Robinson (großartig gespielt von Mickey Rourke), der ein Dasein im Schatten seines einstigen Ruhmes fristet.  Seine großen Zeiten,  in denen er sich noch in Glanz und Glorie sonnen durfte, liegen zurück in den 80er Jahren.  Und der Zenit der Zeit nagt merklich an ihm :

Seine Augen werden schlechter,  ebenso benötigt er ein Hörgerät und seine Kondition lässt ihn recht schnell aus der Puste kommen. Er ist zu dem geworden, was man im Volksmund auch ein menschliches Wrack nennen mag.  Er lebt in einer Wohnwagensiedlung, für die er die Miete nur schwerlich zusammenbekommt.  In krampfhaft wehmütig-nostalgischen Augenblicken greift er zu einer alten Nintendo-Konsole, wo er in einem alten Wrestling-Videospiel sich selbst spielt.

Die Nachbarskinder hingegen ödet das technisch und spielerisch vollends veraltete Videospiel völlig an, sie spielen lieber Call of Duty und Konsorten.   Auch hier bildet sich ein eindrucksvolles Bild von Randys verblassendem Erfolg. Mit Anabolika, Amphetaminen und anderen chemischen Aufputschmitteln hält Randy seinen abgehalfterten Körper noch „fit” genug, um für spektakuläre und bluttriefende Liveperformances gewappnet zu sein – Der Anfang vom Ende :

Nach einer besonders brutalen Hardcore-Show bricht Randy zusammen, er übergibt sich mehrfach und sackt in sich zusammen – Im Krankenhaus wird ihm ein Herzinfarkt diagnostiziert, zugleich wird ihm nahegelegt, den Ring nie wieder zu besteigen, würde er an seinem Leben hängen. Zu groß sei die Gefahr, das Herz ein weiteres Mal zu überlasten.  Damit beginnt auch das Dilemma :

Der Ring war und ist die einzige Konstante in Randys Leben, die einzige Möglichkeit für ihn das Leben mit soetwas wie einem Sinn zu füllen – Konfrontiert mit der Gewissheit,  mit dem Ende seiner Wrestlerkarriere völlig vereinsamt dazustehen, begibt er sich auf die Suche nach möglichen Bezugspersonen – Seine einzige ihm verbliebene Person ist die Stripperin Cassidy, in die er sich verliebt (ebenfalls grandioses Spiel von Marisa Tomei).  Diese hat jedoch für sich den Grundsatz gefasst, nie etwas mit einem Kunden anzufangen, zugleich versucht Randy erneuten Kontakt zu seiner Tochter Stephanie (eher blass : Evan Rachel Wood) aufzunehmen,  welche er jahrelang vernachlässigt hat. Dass die Lage auch an dieser Front schief hängt,  brauch ich wohl nicht weiter auszuführen.  Um die finanzielle Ebbe in der Brieftasche irgendwie zu kompensieren,  bestreitet er seinen Unterhalt mit entwürdigenden Autogrammstunden,  die ihm die Erkenntnis nahe bringen, dass sich seine ruhmvollen Tage längst dem Ende geneigt haben, sowie einem Job hinter der Wursttheke des lokalen Supermarktes.

Hier wird in Aranofsky´scher Machart die Geschichte von Sehnsucht, Liebe und Verfall erzählt.

Die Dichte des Werkes zum Hauptprotagonisten ist unerbittlich nahe, stets wird der alternde Wrestler auf fast voyeuristische Art und Weise aus allen Positionen beleuchtet und analysiert, keine Szene funktioniert ohne Mickey Rourke, er ist das tragende Element dieses Filmes. Ein Bildnis der Vergänglichkeit – Ein Psychogramm mit Hinweis auf ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum.

 

Mickey Rourke als alternder Profiwestler

Mickey Rourke als alternder Profiwestler

 

In Art Documentary-Form folgt die Handkamera Rourke/Randy, um den Zuschauer ganz in die Vorstadttristesse und die Welt des Ex-Profiwrestlers mitzunehmen. Gemählich, bedächtig, einfühlsam und leise, entspricht dieses inszenatorische Mittel nicht dem sonst so pathetisch-schnörkelhaltigem Machstil Aranofskys.  Doch nicht zuletzt dank Kameramann Maryse Alberti entfalten die Bilder in ihrem Minimalismus ihre ganze emotionale Bandbreite.

 

Wirkt der Film unter visuellen Gesichtspunkten verhältnismäßig untypisch für einen Aranofsky,  so  wird die Handschrift vor allem auf narrativer Ebene deutlich.  So werden die einzelnen Positionen und funktionellen Reichweiten der Figurenzeichnung derart definitiv betont, dass wirklich jeder sehen kann,  wem welche Rolle gebührt. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter, die zunehmenden Lasten auf Randys Schultern, der sich doch bloß nach alten Zeiten sehnt, der nur unzulängliche Joballtag als Fleischwarenverkäufer.  Die tragenden Ereignisse geschehen nach Trigger-Prinzip und haben alle ihre eindeutige Funktion – nämlich eine bestimmte Message an den Zuschauer zu überbringen, dadurch wird natürlich der Interpretationsfreiraum stark eingeschränkt. Andererseits wird die Rohheit der Realität schnörkellos und klar wiedergegeben, ohne jegliche Umschweife, was man dem Machwerk durchaus zugute halten kann.

Der einsame Hüne sucht den Kontakt zu seiner Tochter

Der einsame Hüne sucht den Kontakt zu seiner Tochter

 

Auch in der nahenden Quintessenz spiegelt sich diesselbe Brutalität wieder, wie etwa in „Requiem for a Dream” – Doch werden hier die Protagonisten nicht bloß leinwandgroß unter´s Skalpell gelegt,

ihnen werden durchaus Freiräume zum Fühlen gelassen – Freiräume für gänzlich unbefangene und ungenierte Emotionen,  fernab von allerlei Klischees. Doch wäre Aranofsky nicht Aranofsky würde man in die gefühlsmäßige Belanglosigkeit abdriften,  nein – um eine gewisse Distanz zu wahren,

werden in all diesen wuchtigen Gefühlsschluchten,  ein paar ironische und entromantisierende Momente eingeschoben.  Etwa wenn Randy an seinem ersten Arbeitstag die andere Seite der  Fleischwarentheke betritt um seinen Dienst anzutreten,  begleitet von frenetischen Jubelschreien.

Aranofsky lotet jeden Sehnsuchts-Winkel seiner Figuren aus, um sie in selbstreflektive Augenblicke eintauchen zu lassen. Ganz großes Lob geht auch den Cast – Mickey Rourke blüht in seiner Rolle als  abgewrackter Wrestlingprofi förmlich auf, man nimmt ihm sein leidenschaftsloses, müdes Auftreten in allen Belangen ab, was ganz wesentlich zur Authentizität des Filmes beiträgt. Auch Marisa Tomei glänzt in ihrer Rolle,  auch ihr kauft man den Wesenskonflikt von ihrer Rolle als Privatperson, als liebende Mutter und dem als Stripperin wahrlich ab. Einzig Evan Rachel Wood geht inmitten dieser schauspielerischen Glanzleistungen  ein wenig unter, zu farb- und facettenlos wirkt ihre Darstellung der Stephanie, obgleich ihre Rolle durchaus essentiell für das Gesamtwerk ist.

 

Fazit: Nach dem „The Fontain”-Flop meldet sich Aranofsky auf eine eindrucksvolle Art und Weise zurück. Er skizziert ein eher unkonventionelles und ungewöhnliches Milieu,  wo man auf den ersten Blick denken mag, dass aus diesem Handlungsrahmen gar nicht soviel rauszuholen sei. Die Charakterprofile mögen zwar definitiv und endgültig sein,  können aber dennoch eine unglaubliche Tiefe und Präzision für sich verbuchen.  Das Drama pendelt stets zwischen leise und bedächtig, und wuchtig und verwurzelt.  Ein rundum gelungenes Drama, das durchwegs zu empfehlen ist.

 

Originaltitel: The WrestlerGenre: Drama

Verleih: Kinowelt, USA 2009

Kinostart: 26.02.2009

Offizielle Webpräsenz:

www.thewrestlermovie.com

 

Auch erschienen auf schwarze-news.de

Tags: , , ,


About the Author



Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Back to Top ↑