Nachdem Art Spiegelmann mit Maus, rund 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, vermutlich den ikonischten Comic zum Thema Shoa veröffentlichte, sind die Geschichten der Überlebenden und der Ermordeten noch lange nicht auserzählt, denn offensichtlich hat die Welt von den Erzählungen ihrer Vorgänger nicht genug gelernt. In Teilen verständlich, da Unendlichkeit für den Menschen kaum zu fassen ist, scheinbar insbesondere wenn es um das Thema Leid geht. Und genau an dem Punkt setzt Jruij Devetak an, der Boris Pahors Autobiographie in einen Graphic Novel adaptierte.
Faschismus – Ein Albtraum für jeden.
Boris Pahors war nicht nur Träger einer ziemlich charaktervollen Brille, sondern auch sein Leben lang ein überzeugter Antifaschist. Und Das ist weit mehr als nur eine Floskel, denn schon als junger Mann schloss er sich einer slowenischen Befreiungsbewegung an und zahlte dafür einen hohen Preis. Als politischer Gefangener erlebte er so den Horror der aus dem Nationalsozialismus entwuchs am eigenen Leib und hatte die wenig beneidenswerte Gelegenheit mehrere Konzentrationslager von Innen zu sehen. Er überlebte, aber ein Teil seiner Welt blieb immer dort zurück. Glücklicherweise ist Pahor nicht nur ein regelrechter Überlebenskünstler, sondern auch ein erfolgreicher Schriftsteller & Philosoph, der auch das Spotlight auf die Opfer Nazideutschlands wirft, die oft im Gemenge der Greuel häufig ins Hintertreffen geraten. So ist es nicht wenig verwunderlich, dass er Teile seines Lebens literarisch aufarbeitete und unter anderem in seinem bekanntesten Werk Nekropolis in Buchform presste. Und ebendieses Buch dient dem jungen Comickünstler Jurij Devetak als Grundlage für seine Graphic Novel Adaption.

Wenn die Vergangenheit nicht loslässt
Lesende folgen Boris Pahor, im Gegenwartsteil ein alter Mann, beim Besuch einer Gedenkstätte. Ausgelöst durch Erinnerungen springt die Erzählperspektive dann ständig zwischen der Gegenwart und den Erlebnissen des jüngeren Pahor als Gefangener des Konzentrationslagers. Statt einer Geschichte wird hier die Gefühlswelt des Überlebenden erzählt, die erratisch hin- und herspringt und so zeigt, dass die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen und so das gesamte Leben des Autors beeinflussen. Dadurch entsteht eine nihilistische Atmosphäre, denn die Wunden der Vergangenheit lassen keinen Platz für Hoffnung mehr, auch nicht für Betroffene, die dem Tod noch entrinnen konnten. Diese Verkrüppelung der Seele ist auch ein Antrieb Pahors seine Geschichte überhaupt zu erzählen, denn er schöpft auch einen Sinn für sein Leben daraus, andere mit seinen Erlebnissen zu konfrontieren, um anderen dieses Leid zu ersparen. Das wird auch immer wieder verdeutlicht, wenn die Erinnerungen Pahors zusammenfließen und sich nicht nur auf dieses Konzentrationslager im Speziellen beziehen, sondern auf alle anderen, die er auch erleben musste. Der Protagonist stellt sich dabei nie als Held dar, begründet sein Überleben als reine Willkür, die dem System entrinnen konnte. Dabei schaffen es Autor und Illustrator hervorragend das systematische Morden anzudeuten und zu zeigen, ohne sich in expliziten Gewaltorgien zu verlieren.

Bilder gegen das Vergessen
Jurij Devetak illustrierte den Graphic Novel mit einem fast schon spröde wirkenden Zeichenstil. Die Zeichnungen sind in schwarz-weiß gehalten und oft eher einfach gehalten und digital nachbearbeitet, um dem starken Fokus auf Silhoutten mehr Details zu verpassen. Die Zeichnungen sind dabei immer realistisch und passen so zum nüchternen Erzählstil, ich finde ihn aber schlicht nicht ansprechend. Die anthropomorphen Tierwesen und Masken aus Maus finden hier keine Analogie, eine zweite Ebene über die visuelle Schiene bleibt aus, wenn man von den Texten absieht. Diese sind im Stil einer Schreibmaschine dargestellt und nehmen große Teile des Comics ein, manche Seiten sind fast reiner Text, meistens bestehend aus Zitaten aus Pahors Buch. Durch diese fast essay-artige Darstellung kommt man nicht immer in den Leseflow, den man bei einem konventionelleren Comic erleben könnte. Kombiniert mit dem tristen Zeichenstil mit seinen geschundenen Charakteren sorgt die Erzählweise dafür, dass man von Lesespaß gar nicht so recht zu sprechen vermag. Und damit ist das Ziel des Werks absolut erreicht, denn unbequem zu sein ist quasi die Pflicht einer Erzählung über die Zeit des Nationalsozialismus.

Fazit
Trotz kleinerer Schwächen im Lesefluss und eines bewusst spröden, wenig einladenden Zeichenstils gelingt Jurij Devetak mit seiner Adaption von Nekropolis ein bedrückendes und wichtiges Werk gegen das Vergessen. Der Graphic Novel verweigert sich konsequent jeder Form von Unterhaltung und trifft gerade dadurch den Kern von Boris Pahors Erinnerungen: Die Schrecken des Faschismus enden nicht mit der Befreiung der Lager, sondern leben in den Überlebenden weiter. Devetak illustriert diese zerstörte Innenwelt mit großer Zurückhaltung, ohne die Grausamkeiten zu sensationalisieren, und macht deutlich, dass Pahors Geschichte keine abgeschlossene Vergangenheit beschreibt, sondern eine Mahnung an die Gegenwart bleibt. Gerade weil der Comic unbequem ist, entfaltet er seine volle Wirkung.
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Nekropolis von Jurij Devetak und Boris Pahor
ISBN-13 978-3946972730 ISBN-10 394697273X
Umfang: 172 Seiten
Maße: 16.6 x 1.6 x 23.9 cm
Hardcover
Preis: EUR 25,00, erschienen beim Schaltzeit Verlag
