Buch Kritik: Quantulation von Steffen Vogt – Eine technokratische Erlösungsgeschichte?

Unsere Wertung 7,4 /10
31. August 2026von Martin Pilot
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Coverartwork von Steffen Vogts Roman „Quantulation“, erschienen im Eigenverlag © Steffen Vogt
Coverartwork von Steffen Vogts Roman „Quantulation“, erschienen im Eigenverlag © Steffen Vogt

Ich hatte vor einer Weile das große Vergnügen, den Techno-Thriller „Antinomie“ des Sauerländer Schriftstellers Steffen Vogt auf meinem alten Blog Dailygeek.de zu besprechen. Bereits das Erstlingswerk empfand ich als ein „gut recherchiertes, spannendes und zugleich herzerwärmendes Debüt, (…) das eine zärtliche, übernatürliche Coming-of-Age Story im Schwarzwald mit einem global angelegten Agenten-Thriller und einem düsteren Endzeit-Szenario“ verband. Und ja, ich bin gewissermaßen Fan geworden. Als Steffen Anfang/Mitte vergangenen Jahres sein nächstes Projekt mit dem Arbeitstitel „Project Q“ anteaserte, war ich entsprechend angefixt. Als er dann im persönlichen Gespräch auf Instagram eröffnete, dass die Prämisse des neuen Romans schier unglaublich sei, und die Obsession mit der eigenen uroriginellen Idee ziemlich passioniert genug klang, stieg mein kleines, persönliches Hype-Barometer spürbar an. Leidenschaft steckt eben an. Zeitsprung, August 2026: Aus „Project Q“ ist in der Zwischenzeit der Roman „Quantulation“ geworden – veröffentlicht am 11. Juni 2026, abermals im Eigenverlag. Und dankenswerterweise hat Steffen mir erneut ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, sodass wir uns gemeinsam anschauen können, wie sich „Quantulation“ in seinem bisherigen Schaffen positioniert und wer hier vor allem Zielleserschaft ist. Denn auch der Klappentext verspricht Großes: „Science Fiction neu interpretiert und zu Ende gedacht.“

Eines wird relativ schnell klar: Quantulation weist durchaus unverkennbare Parallelen zu Vogts vorherigem Werk auf. Denn wie auch schon beim Debüt platziert Steffen Vogt seine nahbar-warmherzigen Underdog-Figuren in ein überwältigendes Setting, in dem nicht weniger als die ganze Welt einem radikalen Transformationsprozess unterliegt. Es ist wieder der Blick auf die Zusammenhänge zwischen dem Kleinen und dem Großen – für die sich der Roman mitunter sehr viel Zeit nimmt – der Vogts Science Fiction zugleich geerdet und übergroß erscheinen lässt.

Erstkontakt oder eine ominöse Handschrift in der Excel-Tabelle der Welt [enthält Spoiler, bitte bis zum Punkt „Referenzen“ weiterscrollen, wenn diese konsequent vermieden werden sollen]

Quantulation spielt im Verlauf des Jahres 2026 oder vielmehr im letzten Quartal dieses Jahres – und führt, anders als seinerzeit Antinomie, relativ zielgerichtet mehrere Handlungsstränge ein, die schon ziemlich zu Beginn konkrete epische Vorahnungen darauf liefern, wohin die Reise gehen wird und wie der Parforceritt möglicherweise aussehen wird. Dennoch bleibt das Erzähltempo innerhalb der einzelnen Fäden behäbig, sodass es auch hier eine ganze Weile dauert, bis sich Schicksale auf manchmal unerwartete Weise überschneiden.

Dr. Salih Kaya ist der Archetyp eines verschrobenen Ausnahmegenies, welcher der Häme der Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung zum Trotz so manchen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftswelt initiiert hat, und dabei zugleich sehr öffentlichkeitswirksam vorgeht. Nach einer quantenmechanischen Formel, die erklärte, warum wir uns wahrscheinlich doch  schneller als das Licht im Vakuum bewegen können, und einem Beweis der Riemann’schen Vermutung – beides Proklamationen, die in ihrer Fachdomäne für großen Aufschrei sorgten – sorgt ein von ihm moderierter Livestream zu Beginn des Romans für weiteren Wirbel:

Denn er habe eine Möglichkeit gefunden, mittels viel Rechenpower des weltgrößten Supercomputers, die Datenströme der Realität – im sogenannten Quantenraster – zumindest oberflächlich als Header-Äquivalent zu erfassen, wohlwissend dass sich dahinter Datenmengen auftun, die für den menschlichen Verstand kaum begreifbar sind. Datensätze so gewaltig, dass kein existierendes Speichermedium sie aufzunehmen in der Lage wäre. Wäre das an und für sich schon eine bahnbrechende Entdeckung, die gänzlich neue Forschungsfelder auftut, endet es nicht mit dieser Erkenntnis, sondern damit:

Jedes Mal, wenn ein Scan dieser Daten erfolgt ist, fand eine Quantenbeeinflussung statt. Das Beobachten und Messen eines Quantenzustands verändere eben diesen und hinterlässt  eine Handschrift. Es sei aber nicht nur Kayas Handschrift, die im Quantenraster getriggert worden ist, stattdessen sei er sich sicher, beobachte uns etwas, etwas, das nicht irdisch ist, zugleich aber immer um uns herum sei. Kurz nach dieser Bekanntgabe verschwindet Dr. Kaya, scheinbar wie vom Erdboden verschluckt. Cut.

Berlin, Berlin

Das Leben hat es wahrlich nicht gut gemeint mit dem gutmütigen Marc Vollmer. Die Corona-Pandemie hat den Mittdreißiger gänzlich aus der Bahn geworfen. Erst kam der Job-Verlust, dann die lähmende Depression mit stark ausgeprägtem Impostor-Syndrom. Das Leben entgleitete ihm schließlich vollständig, als seine Mutter an aggressivem Lungenkrebs verstarb und noch auf dem Sterbebett äußerte, was für eine Schande er für sie sei, es folgte Alkoholsucht, folgerichtig das Beziehungsende mit seiner langjährigen Partnerin und schließlich die Wohnungslosigkeit. An diesem Punkt lernen wir Marc dann auch kennen – am Tiefpunkt, auf den Straßen des Bezirks Berlin-Mitte. Alles soll sich ändern, als er eine mysteriöse SMS von einer unbekannten Nummer erhält, die ihm, mit einem kryptischen Code vorangestellt, zwei Optionen offeriert: Leid oder Glück.

Marc tut die SMS für bloßen Spam ab, entscheidet sich aber bewusst oder unbewusst für Letzteres. Von seinem letzten Hab und Gut, kauft er sich beim Späti ums Eck, einen Lottoschein.

Spoiler: Er knackt keinesfalls zufällig den Jackpot. Ganz im Gegenteil – Die trunkene Frustration kickt besonders hart, als er checkt, dass die Gewinnzahlen jeweils um eine Stelle zu seinen gewählten 6 Ziffern versetzt sind. Für Marc scheint dies wie ein überdeutlicher Mittelfinger des Universums – zu allem Überfluss gerät er nur kurz darauf an eine Gruppe aggressiver Teenager, die ein gezieltes Opfer suchen, und wird von ihnen lebensbedrohlich zusammengeschlagen. Das ist der Zeitpunkt, ab dem sich Marc denkt, dass diese Welt ihn wirklich nicht braucht. Mit letzter Kraft schleppt er sich zu einer nahegelegenen Straßenbrücke, um sich von dort in die Spree zu stürzen und so zu suizidieren.

Doch auch so soll es nicht kommen: Ein junger Typ mit starkem Berliner Akzent und „Steve Urkel-Stimme“ ruft nach Marc, das Smartphone auf den Wohnungslosen gerichtet, LED-Lampe auf der Schulter angebracht und mit Over-Ears auf den Ohren – er solle dem Bre was geben, ruft er, und läuft dabei gedankenlos auf Marc zu. Der Junge scheint nicht mitzubekommen, dass zwei pfeilschnelle Sportwagen herannahen, ein illegales Autorennen ist im Gange – Marc hingegen reagiert geistesgegenwärtig, rutscht vom Brückenbogen, humpelt auf das merkwürdige Kerlchen zu, und reißt ihn in letzter Zeit mit zur Bordsteinkante und rettet ihm so das das Leben.

Der Junge stellt sich als populärer Influencer „Schicksaljäger“ vor, der das Geschehene als In Real Life-Stream über Twitch ausstrahlt. Marc indes verliert angesichts seiner massiven Verletzungen das Bewusstsein, und wird erst im Krankenhaus wieder zu sich kommen.

Was dann in der Zeit seiner langwierigen Genesung im künstlichen Koma passiert, läuft entsprechend völlig außerhalb seiner Agency ab: Marc wird angesichts der Geschehnisse im Internet zu einer Art messianischem Meme stilisiert und auf den Namen Bresus getauft. Was anfangs nur in den deutschsprachigen Medien zirkuliert, geht schließlich auch international viral. Mehrere Spendenkampagnen sammeln mehrere Millionen Euro für Marc an. Leute gehen auf die Straßen gegen Korruption, gegen den Krieg, gegen die negativen Auswüchse des immer destruktiveren Spätkapitalismus – Marc scheint zum Hoffnungsträger einer Bewegung geworden zu sein, die mit immer pessimistischeren Zukunftsprognosen konfrontiert ist. Und schon bald klopft auch der Vatikan höchstselbst an, denn auch die Kirchen feiern seit Marc Vollmers Tat Konjunktur – und einige geheimnisvolle Umstände des Bresus-Effekts lassen die Frage aufkommen, ob es sich hier nicht möglicherweise um ein wahrhaftig gottgegebenes Wunder handeln könnte.

Investigation//Agitation

Parallel dazu folgen wir der jungen Journalistin Katharina „Kavita“ Patel, die sich zu Beginn des Romanes mitten im Volontariat der dpa und nun in der Redaktionsphase befindet. Dieser letzte Abschnitt sieht eine Art Abschlussarbeit vor, die Konzeption eines Großprojektes, das die journalistische Finesse in Gänze abfragt. Für Kavita eine zähe Geburt, an der sie sich die Zähne ausbeißt, und für welche in wenigen Tagen Deadline ist.

Dass ob dieses ganzen Stresses zusätzlich eine Bindehautentzündung winkt, die einen Krankenhausbesuch erforderlich macht, ist natürlich ganz und gar nicht Teil des Planes. Dort aber trifft sie – nach einem ziemlich aufwühlenden Zwischenfall – auf Marc – und aus diesem Zusammentreffen entspannt sich eine Beziehungsdynamik, die nicht nur ihre weitere Karriere beeinflusst, sondern auch ihr romantisches Leben.

Konspiration

An gleich zwei Fronten erzählt Quantulation außerdem die Geschichte von im Geheimen operierenden Institutionen – Kalottke und Weichmann sind zwei Bundesnachrichtendienstler in der schmucklosen Abteilung für analoge Informationsbeschaffung. Sie überwachen und analysieren die Bewegungsmuster influenter Persönlichkeiten in und um Berlin, die als so genannte Schüttelpromis gehandelt werden. Diese werden von bedürftigen Arbeits- und Obdachlosen und Studenten aus allen demografischen Milieus beobachtet, die Bewegungsprotokolle werden über Polyethylen-Zettelchen in verschiedenen regulär ausschauenden Mülltonnen Berlins platziert. Die Alltage signifikanter Schlüssel-Personen werden erfasst, Abweichungen interpretiert und auf größere Zusammenhänge – national und global – untersucht, auf diese Weise lassen sich die strengen Datenschutzregularien in Deutschland und der EU umgehen. Und tatsächlich – „irgendwas ist anders“

Für die Devianzen in den Routinen ist scheinbar eine andere geheime Gruppierung verantwortlich – ein elitärer Söldnertrupp, der im Kalten Krieg als letzte Bastion gegen die Sowjets installiert worden ist, und seine dezentral organisierten Befehle seinerzeit über aufwendig verschlüsselte Pager Nachrichten erhalten hat. Irgendjemand Kundiges hat die Truppe über eine solche Nachricht reaktiviert – und sie mit einer Reihe gezielt platzierter Attentate beauftragt.

Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass Quantulation einige Plot-Elemente aufgreift, die bereits bei Steffen Vogts Debüt Antinomie in ähnlicher Weise arrangiert worden sind, an anderer Stelle hingegen wie ein bewusster Gegenentwurf formuliert sind: Beiden Romanen gemeinsam ist, dass sie gesellschaftliche Underdogs ins Zentrum rücken – In Antinomie haben wir mit Jan Morgen einen Protagonisten gehabt, der als cleverer, manchmal etwas entrückter jugendlicher Waise im provinziellen Schwarzwald immer irgendwo auch mit der Frage seiner Zugehörigkeit gehadert hat; die Superkräfte, die er dann entwickelt hat, haben diese Selbstfindungsprozesse nicht gerade einfacher gestaltet. Mit Marc Vollmer haben wir ebenfalls einen tiefmelancholischen und unsicheren Charakter, der sich charakterlich schon ein stückweit wie ein Jan Morgen anfühlt.

Gleichzeitig ist er biografisch ein absolut oppositioneller Charakter: Hatte Jan praktisch keine wirklich scharfe Kante und kein Laster, besitzt Marc eine tief selbstzerstörerische Ader, die ihn maßgeblich zum Tiefpunkt gebracht hat. Jan konnte mithilfe seiner Fähigkeiten sein Leben im engen Korsett des provinziellen Lebens relativ frei gestalten. Das Vertraute war vertraut und gut und heimelig, das Unbekannte hingegen beherbergte neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Marc Vollmer wiederum ist eine durch und durch fatalistische Persönlichkeit, die über weite Strecken fremdgesteuert ist und wenig Agency hat – anfangs sind es die Lebensumstände, die seinen Modus Operandi im urbanen Moloch Berlin definieren: Kein Geld, kein Obdach, keine gesunde Psyche, keine vertrauensvolle Bezugsperson, und der Hang zur Flasche versetzen ihn in einen bloßen Überlebensmodus. Ab  der ersten eintreffenden SMS ist es die unbekannte Quelle, die seine weiteren Handlungsschritte bestimmt, und auch die Personen und Institutionen, die ihn zu vereinnahmen versuchen – zwischen Kirche, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und anderen Entitäten – lassen den Charakter im Kern wenig aus sich heraustreten. Dazu aber später mehr.

Eine andere Parallele, die sich auftut, ist die Art und Weise, wie die Geheimdienste in den Romanen operieren. In Antinomie waren die Agenten der SUP-Sektion der CIA Schläfer, die einen Alltag als gewöhnliche Bürger:innen simuliert haben, mit komplett konstruierten, aber authentischen und funktionalen Biografien. Auch Quantulation wartet mit kreativen und teils satirisch anmutenden Ideen für das deutsche Geheimdienstwesen auf,  – das Prinzip der Schüttel-Promis, die Art und Weise wie die Abteilung für analoge Informationsbeschaffung funktioniert, die militanten Analogue Natives Kalottke und Weichmann – das alles wirkt urdeutsch und urkomisch, ohne im World Building von Quantulation sonderlich deplatziert zu wirken. Die Söldner-Truppe indes hat was anachronistisches an sich – beinharte, mittlerweile alternde Kerlchen, die alles gesehen und erlebt haben, und die Aufträge ohne Moralkompass, in Glaube an einen größeren Zusammenhang, ausführen.

Und auch die Art und Weise, wie vermeintlich übernatürliche Phänomene dargestellt werden, wirkt der Erzählweise von Antinomie nicht unähnlich – in Antinomie waren es die Anomalien und Objekte, die sich wider der Physik verhielten, und von der immer höheren Gammastrahlung beeinflusst schienen. Antinomie hat sich der einzelnen globalen Phänomene über allen Kontinenten dabei in episodischer und ausschnitthafter Form angenommen. Quantulation macht etwas ähnliches:  Weltweit werden merkwürdige schwarze Sphären gesichtet – die gesamten Bestände nuklearer Waffen der großen Industriestaaten strahlen plötzlich nicht mehr – Schlüsselfiguren wesentlicher Industrien, der Politik und der Medien sterben auf mysteriöse Art und Weise – das wiederum beeinflusst Dynamiken in der Gesellschaft, aber auch in der Wissenschaft. Quantulation skippt hier ebenfalls wild zwischen denen einzelnen, vermeintlich isoliert zu betrachtenden Geschehnissen. Ab und zu schmeißt Vogt  kleine Interludes herein: Ein fiktiver Podcast namens Grips & Gloria vermittelt die Geschehnisse in einer kruden Mischung aus verschwörungstheoretischen Narrativen und triftiger politischer und wissenschaftlicher Analyse. Innerhalb der Fiktion sollen diese Podcast-Sequenzen vermutlich einerseits ein kleine „Was bisher geschah“-Funktion erfüllen, aber auch für mehr Immersion innerhalb des (sehr gelungenen) World Buildings sorgen.

Eine Sache, die mir leider ein bisschen sauer aufgestoßen ist, sind die ganzen Bezüge auf die katholische Kirche und auf den Vatikan im Kontext der Erzählung. Ich mochte die Figur des empathischen, aber auch herrlich ambivalenten Krankenhaus-Seelsorgers Harald Kleppers sehr gerne, der diese Plotline für seinen Schützling Marc Vollmer relativ zu Beginn des Romans eröffnet, und der lange Zeit als sympathischer Buddy funktioniert, ehe er stärker in den Hintergrund rückt.  Klepper ist Krankenhaus-Psychologe, aber auch kritischer Geistlicher und wird folgerichtig als Bindeglied zu Marcs späteren Abenteuern in Rom etabliert. Sobald aber Marc zum ersten Mal auf den Erzbischof Düring trifft, nimmt dieser Handlungsstrang einen sehr omnipräsenten Posten ein.

In einer früheren Besprechung von Antinomie in einem Lokalblättchen wurde Vogt als „Sauerländer Dan Brown“ bezeichnet – ich fand damals eigentlich sehr schön, dass Antinomie dann letztlich doch so viel mehr als ein klassischer Brown-Roman war. Hier wirkt es aber beinahe, als würde sich Vogt genau in dieser Rolle gefallen. Das ist schade, denn diesen Eckpfeiler empfinde ich als großen Schwachpunkt des Romans, und das zeigt sich besonders an einer relativ hanebüchenen Klimax zum Ende hin. Das hätte es nicht in dieser Intensität gebraucht, denn die Prämisse trägt den Roman durchaus.

Und damit kommen wir zu einer zentralen Fragestellung dieser Besprechung: Diese wurde vom Autor ziemlich stolz als unique und visionär angekündigt. Ist sie das tatsächlich auch? Meine Antwort ist jein – ich find die Idee extrem cool und irgendwie greifbar ungreifbar. Eine nichtirdische Entität oder Zivilisation, die eine Spur im Quantenraster zu hinterlassen in der Lage ist, die schon lange unter uns weilt, aber erst mit dem Aufkommen moderner, menschengemachter Technologie in der Lage ist, aktiv kommunikative Tore in unsere Welt aufzustoßen? Die Beeinflussung unserer Welt via direkter Einflussnahme auf Quanten? – Ja, das ist eine durchaus spektakuläre Prämisse.

Aber ich finde, einige Plotpunkte und insbesondere das Finale werden mit der Idee auch zu bequem gelöst. Die Problematik ist sozusagen der Handlung immanent: Der Deus Ex Machina ist buchstäblich das Grundgerüst der Handlung. Damit hätte man durchaus auf der Meta-Ebene mehr spielen können, insbesondere auch erzählerisch, und den religiösen Bezug zwar beibehalten, aber deutlich schmälern sollen. Um eben kein weiterer Dan Brown zu werden, sondern ein Steffen Vogt.

Referenzen

Die Idee von Steffen Vogt ist durchaus einzigartig, ja. Trotzdem habe ich mich auch hier teils an andere Werke und Schriftsteller:innen erinnert gefühlt, teils auch abseits der Literatur. Das hängt vor allem mit der Prämisse zusammen.

Ausgehend vom Innovationsgehalt des dargestellten Erstkontakts mit einer nicht-irdischen Zivilisation in Romanen, denkt man natürlich zwangsläufig an Stories wie Solaris von Stanislaw Lem, in welcher der Ozean des gleichnamigen Planeten scheinbar ein hochintelligentes Wesen ist, oder an Story of Your Life, die Kurzgeschichte von Ted Chiang, in welcher der Erstkontakt zu den sogenannten Heptapoden vor allem aus linguistischer Perspektive beleuchtet wird, kongenial verfilmt von Denis Villeneuve als Arrival.

Ohne zu viel spoilern zu wollen: Gewissermaßen hat mich die nicht humanoide Zivilisation und ihr Umgang mit anderen Lebensformen auch an die Videospiel-Reihe Mass Effect von BioWare erinnert, wo es um das Verhältnis von synthetischem und nicht-synthetischem Leben und um den wegbereitenden Einfluss einer hochentwickelten, energiebedarfsintensiven Spezis auf eine andere weniger fortschrittliche geht (Kardaschow-Skala lässt grüßen). Auch eine Katalysator-Figur spielt wie im EA-Franchise eine wesentliche Rolle.

Während BioWare aber mit den Reapern seinerzeit einen martialischen, action-fokussierten Weg einschlug, und sie als klare Aggressoren beschrieben, die Zivilisationen ihrem Namen gemäß „abernten“, ist Quantulation lange Zeit sehr vage, was die Absichten der Namenlosen angeht.

Es wirkt teils, als seien die Progressionsbestrebungen, welche diese der Menschheit und anderen Zivilisationen übermitteln wollten, humanistischer als die Menschheit selbst. Intuitive und vor allem präzise Erkenntnis ist auch Teil der Kommunikationsstrategie der Zivilisation, die Vogt entworfen hat. Die ist wiederum gar nicht so weit entfernt vom marsianischen „Grokken“,  das Robert A. Heinlein in den 60ern für sein grandioses Stranger in a Strange Land entworfen hat (Ironischerweise hat Musk den Begriff mittlerweile für sein LLM missbraucht).

Quantulation hat mit seiner Erstkontakt-Skizze einen visionären Ansatz, der durchaus in Reihe mit u.a. den genannten Klassikern gestellt werden kann – ich hätte mir allerdings gewünscht, dass dieser auch stärker in den Vordergrund gerückt worden wäre.

Der Rahmen ist durch das gewohnt herausragende World Building, und Vogts messerscharfe Beobachtungsgabe gegeben: Hier wird Technologie, Gesellschaft und Politik gekonnt miteinander verzahnt, präzise recherchiert – Fans von Andreas Eschbach oder meinetwegen Michael Crichton werden sich heimisch fühlen, das war auch schon bei Antinomie so.

Die Thriller-Elemente – sowohl der inflationär aufgeblähte Vatikan-Abschnitt, als auch die Söldner-Passagen – hätten für mich gerne deutlich reduziert werden können. Das wirkt Dan Brown’esker als es dem Roman gut tut und lässt das Pacing tatsächlich auch zäher wirken, als es wahrscheinlich beabsichtigt worden ist.

Schreibstil

Quantulation und der Vorgänger Antinomie sind stilistisch ungemein ähnlich – das betrifft sowohl die positiven, wie auch negativen Aspekte. Steffen Vogt ist nach wie vor ausnehmend gut darin, Szenen zu beschreiben – ob nun das schmutzige Kiez in Berlin-Moabit, der sakrale Prunk im Vatikan, die geheimnisvolle Aura der Vatikanarchive, das spartanische Innendekor des Forschungsinstituts am Radioteleskop Effelsberg: Man ist als Leser:in in die Szenerie investiert. Quantulation wirkt dabei auch deutlich größer als noch Antinomie, das im Vergleich beinahe wie ein Schwarzwälder Kammerspiel wirkte. Die Dialoge wirken auch hier weitgehend natürlich, aber nicht immer – manchmal übernimmt sich Vogt in seinem Authentizitätsanspruch und wirkt dabei unbeholfen: Wenn etwa offenbar migrantisch gelesene Schlägertypen Marc bewusst provozieren, um diesen in einen Konflikt hineinzuziehen, dann wirkt ein „Hey, du Lellek, willst du Ärger?“ als Dialogstart seltsam angeeignet. Man weiß in etwa, worauf die Szene hinaus will, und hat sie als Leser auch sehr gut vor Augen. Das „willst du Ärger?“ wirkt aber anachronistisch und lässt die Verwendung von Jugendslang wie „Lelleks“, „Keks“. wirken, als hätte man für die Recherche einen 187er Straßenbande Track herangezogen. Susanne Daubner lässt grüßen.

Auch Empörung und schlagfertige Wortwitze wirken bei Vogt immer eine kleine Spur zu bemüht: Auf eine alte Inkasso-Nachricht auf dem Smartphone reagiert Marc etwa mit einem „Als hätte ich hier WLAN, ihr Dreckigen“ – als Harald Klepper Marc davon erzählt, dass er dem Nuntius ob von Marcs Wunder erzählt habe, entgegnet dieser halbaufgebracht „Du bist mein Psychologe, du Hallodri!“ – und ich frage mich, welcher Mittdreißiger redet unironisch so? Auch Antinomie wirkte ein bisschen aus der Zeit gefallen – das hatte ich in der Rezension seinerzeit kritisiert und angebracht, man könne jugendlichen Figuren auch jugendlichen Slang und realen Internet-Brainrot in den Mund und ins fiktive Hern legen. Andererseits ist es durchaus eine Kunst für sich, Jugendsprache auf durch und durch natürliche Weise zu emulieren. Vielleicht bin ich hier aber auch überempfindsam.

Die großen Stärken spielt Vogt bei Quantulation wieder bei Verweisen auf reale Begebenheiten aus, das hatte ich auch schon bei Antinomie gelobt: Aktuelle KI-Entwicklungen? Das globale Erstarken rechtspopulistischer Kräfte? Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine? Frühere Verweise auf Edward Snowden, auf Glen Greenwood vom Guardian und seine Leaks im Jahr 2013 – all das und mehr wird verwoben und verdichtet die Immersion ungemein. Aber wie auch bei Antinomie gilt: Der Schreibstil von Vogt ist vor allem für ein wissenschafts- und sci-fi-affines Publikum konzipiert – einerseits ist es nach wie vor schwer zu erkennen, wann wissenschaftliche Aussagen in Quantulation triftig und haltbar, wann sie grob vereinfacht oder sehr frei gedacht sind, oder wann aber das Produkt purer Fantasie und reinrassiger Technobabble.

Quantulation ist immer noch sehr gut geschrieben, aber meines Erachtens nach wie vor nicht sonderlich inklusiv für ein  Mainstream-Publikum – mein Vater war bei Antinomie seinerzeit Testleser und fand die Lektüre eher zäh. Das Nachfolgewerk habe ich nicht mehr vorgelegt, weil ich es als teils noch komplexer empfunden habe. Vogt kann ungemein gut mit Worten umgehen, keine Frage, aber manchmal muss man sich als Autor fragen, ob es nicht zielführender wäre, das einfachere, vielleicht unschönere Wort zu wählen, einfach um mehr Leute ins Boot zu holen:  Wenn etwas  jemand „beinahe klandestin“ erwidert, klingt das vielleicht präzise und schön, aber auch unverhältnismäßig hochtrabend.

Die Struktur von Quantulation find ich wieder äußerst durchdacht, das Pacing empfinde ich aber als bedeutend schwächer als bei Antinomie. Es liest sich deutlich zäher als das Debüt – was hauptsächlich daran liegt, dass es zu viele Handlungsstränge gibt, und zwei davon (Gladius, Vatikan) relativ überpräsent sind – hier wäre ein deutlich stärkere Fokussierung auf die Prämisse sinnhaft gewesen. Ich hätte deutlich mehr von Salih Kaya und Kavita lesen wollen, und die Düring-Figur komplett rausgestrichen.

Nicht falsch verstehen: Das ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Aber das sind für mich die Punkte, wo der Roman trotz innovativer Idee Federn lassen muss. Er ist schlicht zu überladen.

Charaktertiefe

Das Gewicht des Überbaus wirkt sich auch auf das Figurentableau aus: Auch in Quantulation beweist Vogt grundsätzlich ein Gespür für gut geschriebene, geerdete Charaktere und halbwegs realistische Back Stories: Aber durch die vielen Handlungsstränge bleiben viele Charaktere ein bisschen auf der Strecke. Marc Vollmer ist per se ein richtig, richtig guter Charakter, mit dem man sich vortrefflich identifizieren kann – ein gutmütiger, sensibler Mensch, der an der Realität zerbrochen ist. Man merkt mit jeder Zeile, wie wichtig der Charakter dem Autor ist. Aber aus ihm wird mit der Zeit ein kleiner Jan Morgen (also der Protagonist des Debüts) – ist er zu Beginn eine wandelnde, autodestruktive menschliche Kante, wird er im Verlauf der Handlung immer profilloser. Nach seiner „Wiederbelebung“ kickt nur noch ab und an das Impostor-Syndrom – aber mal ehrlich: Wer würde sich nicht fragen, wie man damit umgeht, dass das eigene Leben als virales, semi-religiöses Popkultur-Phänomen Eingang in die Medien findet. Körperliche und psychische Schäden seiner Zeit auf der Straße spielen innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums nahezu keine Rolle mehr, die Redakteurin Kavita akzeptiert ihn nahezu bedingungslos als Love Interest. Es gibt erstaunlich wenig Fallhöhe in dieser Beziehung, obgleich diese sehr liebevoll und zärtlich geschrieben ist, Ansonsten ist Marc Vollmer – wie bereits eingangs erwähnt ein Charakter gänzlich ohne eigene Agency – und das lässt erneut die Dringlichkeit vermissen.

Mein persönlicher Lieblingscharakter ist Dr. Harald Klepper – weil er eine durchweg ambivalente, aber positiv konnotierte Figur ist. Er ist Psychologe und Geistlicher, hat selbst Schicksalsschläge erfahren, und hat deshalb offenkundig ein besonderes Herz für die Gescheiterten. Er balanciert zwischen seiner Rolle als Pfarrer, der sich dem christlichen Glauben verpflichtet hat, und seiner Rolle als kritischer Geist – anfangs noch als sympathisch-grummeliger Buddy-Sidekick konzipiert, wird er im Laufe der Handlung zunehmend in den Hintergrund gedrängt.

Salih Kaya ist auch ein cooler Charakter – ein kontrovers diskutierter, aber genialer Wissenschaftler, der immer wieder mit bahnbrechenden Erkenntnissen und Postulaten auf sich aufmerksam macht. Hier finde ich die Charakterisierung aber zuweilen merkwürdig widersprüchlich: Auf den ersten Seiten wird er wie folgt beschrieben: „Mutter Natur hatte mit ihm einen fragwürdigen Handel abgeschlossen. Intellekt und Einfallsreichtum für das gesamte Charisma. (…) In der Charaktererstellung eines Computerspiels wäre jeder Schieberegler in der Mitte geblieben, nur die Haare wären um die Hälfte reduziert.“ – Hier wird Charisma mit einem optisch sauberen Erscheinungsbild assoziiert. Gleichermaßen wird er zu Beginn aber als „der deutsche Doc Brown“ beschrieben, „(…)Etwas verwirrt. Manisch. Mit dem Hang zum Dramatischen (…)“, der eine breite Öffentlichkeit offenbar zu mobilisieren in der Lage ist. Das ist für mich der Inbegriff von Charisma. Im Verlaufe des Romans wirkt Kaya aber keineswegs manisch, und etwas verwirrt – sondern ruhig, besonnen und rational.

Solche kleinen Ungereimheiten kommen auch bei den anderen Charakteren in deutlich schwächerer Form vor, sodass sie nicht so sehr ins Gewicht fallen. Aber insgesamt hätte ich mir ein bisschen mehr Kohärenz bei den Personenbeschreibungen gewünscht, zumal sie dieses Mal deutlich archetypischer ausfallen als beim Debüt.

Wie schon bei Antinomie gibt es auch hier lange Zeit keinen richtigen Antagonisten, gegen den gearbeitet wird. Stattdessen ist alles ein Rätsel – wie können so viele scheinbar willkürliche, singuläre Geschehnisse eine gemeinsame Handschrift tragen? Das wäre für mich auch komplett in Ordnung gewesen. Aber offenbar war das Vogt nicht genug – denn es gibt einen Bösewicht im Figuren-Roster, und es tut mir als Kritiker irgendwo Leid, aber der ist wirklich schwach. Einführung, Motivlage und Auflösung sind wirklich komplett verquer. Ein eklatanter Schwachpunkt für mich, dass man auf diese Figur vertraut hat.

Ansonsten habe ich im Großen und Ganzen aber eine gute Zeit mit den Charakteren gehabt – sie hätten für mein Gusto noch etwas mehr Kante und Abgrund vertragen können, und ich hätte das Figurentableau etwas runterreduziert, um den Charakteren mehr Raum für ihre Persönlichkeitsentwicklung zu geben, aber es passt so.

Fazit:

„Quantulation“ ist ein ambitionierter Science-Fiction-Roman, der Steffen Vogts Stärken auf eine größere Bühne hebt: Die faszinierende Erstkontakt-Prämisse, das herausragende World Building und die geschickte Verzahnung von Wissenschaft, Politik und persönlichen Schicksalen bilden bei dem Roman ein Szenario, das zugleich überwältigend und nahbar wirkt, und auch hier wieder das Kleine und das Große verbindet.

Allerdings steht sich der Roman mit seiner erzählerischen Ambition ein bisschen selbst im Weg. Zu viele Handlungsstränge konkurrieren gleichermaßen um Aufmerksamkeit; insbesondere die ausgedehnten Vatikan- und Söldnerpassagen bremsen das Tempo spürbar aus und drängen die eigentliche Prämisse zurück. Auch Marc verliert zunehmend jene Ecken und Abgründe, die ihn anfangs so interessant machen. Ein schwacher Antagonist und allzu bequeme Auflösungen schmälern schließlich die Wirkung des Finales. Hier hätte ich mir weniger Dan Brown und mehr Vertrauen in die Tragfähigkeit der eigenen Idee gewünscht.

Keine Frage: „Quantulation“ ist größer und komplexer als „Antinomie“, zugleich aber überladener und weniger fokussiert. Für wissenschaftsaffine Leser:innen, die Freude an ungewöhnlichen Gedankenspielen und sorgfältig konstruierten Welten mitbringen, bleibt der Roman dennoch eine klare Empfehlung. Steffen Vogt schöpft das Potenzial seiner Prämisse nicht vollständig aus,  liefert aber zumindest Stoff, über den sich weit über die letzte Seite hinaus nachdenken lässt.

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Steffen Vogt – Quantulation – Mystery-Science Fiction Thriller [Taschenbuchausgabe]

Gebundene Ausgabe: 456 Seiten

Verlag: Eigenverlag,

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 979-8181027879

Link zu Steffen Vogts Instagram-Kanal: Steffen_Vogt_Autor

Link zur Website: https://www.steffenvogt.com/

Wertung 7,4/10
  • Geschichte 8/10
  • Charaktertiefe 7/10
  • Erzählweise 7/10
  • Unterhaltungsfaktor 8/10
  • Schreibstil 7/10
Fazit

Faszinierende Erstkontakt-Idee, starkes World Building und nahbare Figuren: „Quantulation“ bietet anspruchsvolle Science Fiction mit viel Gedankentiefe. Zu viele Handlungsstränge, ausufernde Vatikan-Passagen und ein schwächeres Finale bremsen allerdings die Wirkung ein bissl aus. Überladener als „Antinomie“, aber dennoch lesenswert für alle, die komplexe, wissenschaftsaffine Science Fiction schätzen.

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