Comic Kritik: Die Summe seiner Teile von Julia Zejn & Matthias Lehmann – Digitales Nachleben und ein fader Beigeschmack

Unsere Wertung 6,0 /10
1. September 2026von Martin Pilot
Die Summe seiner Teile - Keyart - Comic - Couchheroes

Einleitung

Die Summe seiner Teile hat es mir nicht unbedingt leicht gemacht. Liebesdramen gehören jetzt nicht gerade zu meinen bevorzugten Genres und entsprechend schwer fiel mir anfangs auch die Frage, nach welchen Maßstäben ich den Comic eigentlich bewerten soll. Aber was soll’s, es gibt für alles ein erstes Mal.

Dabei ist die Ausgangslage clever und zeitgemäß: Was passiert in naher Zukunft nach dem Tod eigentlich? Einen digitalen Fußabdruck hat heutzutage praktisch jeder, ebenso ist das Arbeiten mit künstlicher Intelligenz, die manchmal schaurig menschlich wirkt, absoluter Alltag. Aber was, wenn man die Idee auf die Spitze treibt und statt mit der künstlichen Intelligenz mit einer digitalisierten Person aus der Realität interagieren könnte? Was passiert, wenn ein geliebter Mensch stirbt, sein Bewusstsein aber digital weiterexistiert? Ist diese Kopie noch derselbe Mensch? Und was passiert mit einer Beziehung, wenn einer der Beteiligten eigentlich tot ist, aber eben auch irgendwie nicht, also quasi das Schiff des Theseus als Mensch.

Das klingt zunächst voll nach einer Folge Black Mirror. Gleichzeitig ist die Idee vom digitalisierten Bewusstsein mittlerweile aber auch nicht mehr ganz so neu. Die Amazon-Serie Upload beschäftigt sich damit, Cyberpunk 2077 baut einen wesentlichen Teil seiner Handlung darauf auf und ähnliche Geschichten gab es auch vorher schon.

Das ist aber erstmal kein Problem. Eine gute Geschichte muss ihre Idee nicht selbst erfunden haben. Sie muss etwas Interessantes damit machen, da ist dann am Ende auch das Medium oder das Genre egal.

Story & Themen – Ich willl nicht in den Himmel, ich will in die Cloud

Joshua und Mara sind ein Liebespaar und soweit läuft für den bärtigen Homeoffice-Bürotypen und seine verträumte Tänzerin alles astrein. Zumindest bis zu einem schweren Verkehrsunfall, bei dem der junge Mann praktisch getötet wird. Doch vor seinem Tod erhält er die Möglichkeit an einem neurowissenschaftlichen Pilotprojekt teilzunehmen und in dessen Folge eine digitale Kopie seines Gehirns an seine Partnererin weitergeben zu können.

"Die Summe seiner Teile" mutet wie eine Black Mirror-Folge an - Was macht es mit einem, wenn man die Beziehung fortan mit einem digitalen Abbild führt? Intimität etwa muss anders gestaltet werden © Reprodukt
“Die Summe seiner Teile” mutet wie eine Black Mirror-Folge an – Was macht es mit einem, wenn man die Beziehung fortan mit einem digitalen Abbild führt? Intimität etwa muss anders gestaltet werden © Reprodukt

Und genau da fangen für mich bei Die Summe seiner Teile die Probleme an. Die Prämisse  ist nämlich gleichzeitig fast schon der komplette Plot.

Eigentlich stecken hier reichlich interessante Themen drin: Tod, Trauer, Schuld, Identität und vor allem die Frage, wie viel von einem Menschen verschwinden kann, bevor er nicht mehr derselbe ist. Der Comic spricht viele davon an, geht für meinen Geschmack aber viel zu selten wirklich in die Tiefe.

Das größte Beispiel dafür ist die Veränderung des digitalisierten Partners. Uns wird gesagt, dass er sich verändert. Er selbst erzählt davon, dass er im Hintergrund Erinnerungen löscht. Nur bekommt man von diesem Prozess sonst wenig mit. Und gerade das hätte ich gerne gesehen.

Welche Erinnerungen löscht er zuerst und wieso überhaupt? Was passiert, wenn gemeinsame Erlebnisse verschwinden? Erkennt seine Partnerin Veränderungen an ihm, die er selbst gar nicht bemerkt? Was bedeutet es für eine Beziehung, wenn nur noch einer von beiden weiß, was sie eigentlich miteinander erlebt haben?

Statt diesen langsamen Verlust tatsächlich zu zeigen, erzählt der Comic davon so nebenbei. Damit wird ausgerechnet der interessanteste Teil seiner Science-Fiction-Prämisse größtenteils außerhalb der eigentlichen Handlung abgewickelt.

Dazu kommt das Thema Schuld. Dass Mara eine Mitschuld an Joshuas Tod trägt, wäre eigentlich hervorragender Stoff für einen unangenehmen Konflikt zwischen beiden. Sie gibt sich aber nur selbst die Schuld, ihr Partner nimmt das unkommentiert so hin. .

Damit hatte ich rückblickend das merkwürdige Gefühl, dass zwischen seinem Tod und dem Ende eigentlich erstaunlich wenig passiert ist. Zynisch könnte man fast behaupten, dass Mara ihr iPad-Freund bloß irgendwie langweilig geworden ist.

Vielleicht spricht hier auch meine eigene Genrevorliebe: Ich hätte aus der Geschichte vermutlich eher psychologischen Horror gemacht. Mich interessiert was passiert, wenn der geliebte Mensch Stück für Stück verschwindet, obwohl er noch mit einem spricht.

Das ist nicht zwingend die Geschichte, die Die Summe seiner Teile erzählen möchte. Trotzdem wirft der Comic selbst diese Fragen auf. Und dann muss er sich für mich auch daran messen lassen, was er damit macht.

Charaktere & Emotionen – Abziehbilder schon vor der Digitalisierung?

Bei einem Liebesdrama kann ich mich natürlich nicht einfach damit herausreden, dass ich lieber Horror gelesen hätte. Entscheidend ist letztlich, ob die Beziehung funktioniert und die Gefühle der Figuren nachvollziehbar werden.

Die grundsätzliche Situation ist tragisch und die Gefühle dahinter sind verständlich. Der Comic vermittelt Trauer und das schwierige Loslassen eines Menschen durchaus. Was mir fehlt, ist aber gerade die Entwicklung der Beziehung nach dem Tod.

Der Comic bleibt eher ruhig - ohne Abgründe im wesentlichen anzuschneiden. Das kann man mögen - mir war es zu wenig © Reprodukt
Der Comic bleibt eher ruhig – ohne Abgründe im Wesentlichen anzuschneiden. Das kann man mögen – mir war es zu wenig © Reprodukt

Wenn einer der beiden sich fundamental verändert, müsste sich dadurch eigentlich auch die Dynamik zwischen den Figuren verändern. Stattdessen wird diese Veränderung vor allem behauptet. Dadurch fehlt mir irgendwann die Grundlage, wirklich nachzuempfinden, warum ihre Beziehung jetzt anders funktioniert als zuvor.

Besonders schade ist das beim Schuldthema. Hier hätte die Beziehung plötzlich eine völlig neue Ebene bekommen können: Er ist gleichzeitig Opfer, Partner und Erinnerung an ihre eigene Verantwortung. Das hätte hässlich, kompliziert und menschlich werden können.

Der Comic entscheidet sich für einen wesentlich ruhigeren Weg.

Das kann man mögen. Mir war es zu wenig. Vielleicht liegt es auch an der Entscheidung, das Yoshi im Prinzip nur eine App auf einem Tablet ist. Besonders dadurch, dass Mara als Tänzerin viel über Körperlichkeit und Bewegung funktioniert, erscheint der eigentlich spannende Kontrast irgendwie nebensächlich. Schade, da die Momente wo Themen, wie die gemeinsame Intimität mal angesprochen werden und die KI-Version von Joshua sich anders verhält, als die Echte, zeigen eigentlich, dass in dem Thema noch viel mehr steckt!

Artwork & visuelles Storytelling – Schwungvoll und digital

Beim Artwork gibt es fast dasselbe Problem wie beim Writing.

Die Zeichnungen sind keineswegs grundsätzlich schlecht. Gerade die Dynamik der Figuren, speziell in den Tanzszenen funktioniert ziemlich gut und die Figuren lassen sich problemlos lesen. Trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, ein sehr aufwendig ausgearbeitetes Storyboard vor mir zu haben, aus dem anschließend noch der eigentliche Comic entstehen müsste.

Die Zeichnungen funktionieren dann gut, wenn sie auf Dynamik setzen - etwa die Tanzszenen... © Reprodukt
Die Zeichnungen funktionieren dann gut, wenn sie auf Dynamik setzen – etwa die Tanzszenen… © Reprodukt

Die Charaktere wirken auf mich relativ generisch und vor allem das Rendering holt mich nicht ab. Es fehlt mir an Tiefe, Textur und visueller Eigenständigkeit.

Das wäre bei einem Comic mit starkem visuellen Storytelling gar nicht unbedingt ein Problem. Nur verschenkt Die Summe seiner Teile auch hier Möglichkeiten.

Gerade die verschiedenen Zeitebenen der Handlung und der Verlust von Erinnerungen schreit eigentlich danach, visuell erzählt zu werden. Wiederkehrende Panels könnten sich subtil verändern, gemeinsame Momente könnten beim zweiten Auftauchen plötzlich Lücken haben oder mit Farben spielen.

Stattdessen muss der Comic häufig mit Worten erklären, was mit seinen Figuren passiert.

...gleichzeitig schöpft der Comic nicht genügend aus seinem visuellen Storytelling - er bleibt zu wortkarg, als dass die Worte die Geschichte zu tragen vermögen, kann das aber nicht immer durch seine Bilder kompensieren © Reprodukt
…gleichzeitig schöpft der Comic nicht genügend aus seinem visuellen Storytelling – er bleibt zu wortkarg, als dass die Worte die Geschichte zu tragen vermögen, kann das aber nicht immer durch seine Bilder kompensieren © Reprodukt

Und damit lässt sich meine Kritik am Artwork ziemlich genau auf das Writing übertragen: Die Bilder transportieren mir zu wenig ohne Worte und die Worte sind gleichzeitig zu knapp, um diese Lücke zu schließen. Ebenso wirkt das Coloring in Graustufen wie ein Konzept, auch hier wäre eine Gelegenheit dagewesen um die Veränderungen in der Beziehung des Paares zu zeigen, ähnlich wie es das Cover ja sogar schon tut!

Das Ergebnis wirkt auf mich auf beiden Ebenen eher wie der Entwurf einer sehr interessanten Geschichte als deren endgültige Version.

Fazit – Die Summe aller Einzelteile geht nicht immer auf

Die Summe seiner Teile ist für mich vor allem ein Comic voller verpasster Möglichkeiten.

Die Grundidee funktioniert. Die Themen funktionieren sogar richtig gut: Trauer, Schuld, Erinnerung, Identität und die Frage, ob eine digitale Fortsetzung eines Menschen tatsächlich noch dieser Mensch ist. Das Problem ist für mich nicht, dass der Comic nichts Interessantes zu sagen hätte.

Er sagt mir nur zu wenig darüber.

Vielleicht hätte eine ausführlichere Erzählweise geholfen. Vielleicht hätte es dafür tatsächlich deutlich mehr Text gebraucht. Oder ein visueller Stil, der stärker übernimmt, was nicht ausgesprochen wird. So bleibt für mich sowohl beim Writing als auch beim Artwork das Gefühl einer Skizze.

Dabei möchte ich dem Comic nicht vorwerfen, dass er kein psychologischer Horror geworden ist. Das wäre schlicht eine andere Geschichte. Aber selbst als Liebesdrama hätte ich mir gewünscht, die Veränderung dieser Beziehung tatsächlich mitzuerleben, anstatt hauptsächlich darüber informiert zu werden.

Wie seine Hauptfiguren besteht Die Summe seiner Teile aus vielen interessanten Einzelteilen.

Für mich ergeben sie am Ende nur kein überzeugendes Ganzes.

Bei Amazon bestellen: 

Julia Zeyn, Matthias Lehmann – Die Summer seiner Teile 

ISBN-13 978-3956405341

Umfang: 128 Seiten, “farbig” / “Graustufen”

Maße: 18.5 x 1.4 x 25.5 cm

Klappenbroschur

Preis: EUR 20,00, erschienen bei Reprodukt

 

Wertung 6,0/10
  • Geschichte und Themenaufbereitung 7/10
  • Charaktertiefe und Emotionalität 6/10
  • Zeichnungen / Art Design 6/10
  • Visuelles Storytelling 5/10
Fazit

Starke Themen und eine spannende Prämisse, die erzählerisch wie visuell jedoch zu oberflächlich bleiben. Viele interessante Einzelteile ergeben kein überzeugendes Ganzes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.