Am 18. August 2026 ist das Survival-Horror-Spiel The Sinking City 2 für PC, PlayStation 5 sowie Xbox Series S|X erschienen. Für mich war eigentlich schon lange klar, dass ich wieder dabei sein würde. Ich habe den ersten Teil trotz seiner Macken geliebt. Vielleicht sogar ein Stück weit wegen seiner Macken. The Sinking City von Frogwares war eines der wenigen Lovecraft-inspirierten Spiele, die sich wirklich sehen lassen konnten und mir durchweg viel Spaß bereitet hatte.
Nun durfte ich also endlich wieder in die Abgründe von H. P. Lovecrafts Mythos abtauchen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bevor es aber überhaupt um Arkham, Monster und kosmischen Wahnsinn geht, muss man über die Entstehung dieses Spiels sprechen. Denn dass The Sinking City 2 heute überhaupt existiert, ist alles andere als selbstverständlich.
Ein Spiel, entstanden unter Kriegsbedingungen
Frogwares ist ein ukrainisches Studio. Die Entwicklung von The Sinking City 2 fand damit unter Bedingungen statt, die mit dem üblichen Stress einer Spieleproduktion herzlich wenig zu tun haben. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 arbeitet das Team inmitten eines andauernden Krieges.
Mitarbeiter mussten ihre Heimat verlassen, andere blieben in der Ukraine. Stromausfälle, Luftalarm und Angriffe gehören dort weiterhin zum Alltag. Frogwares musste Arbeitsabläufe anpassen, Teile des Teams verlagern und gleichzeitig versuchen, überhaupt so etwas wie einen normalen Entwicklungsbetrieb aufrechtzuerhalten.
Trotz dieser schwierigen Umstände entschied sich das Team von Frogwares ein von Grund auf neues Spielkonzept zu entwickeln. Statt erneut eine riesige (relativ leere) Open World mit verschiedenen, teilweise nur halb ausgearbeiteten Systemen zu bauen, konzentriert sich das Studio diesmal auf einen deutlich kompakteren Survival-Horror. Weniger Fläche und weniger spielerischer Ballast, und das merkt man ziemlich schnell.
Ein Nachfolger, der den Namen Survival-Horror verdient
Wie bereits erwähnt, war der erste Teil ein etwas eigenwilliges Gemisch aus Open World, Detektivspiel, Rollenspiel und Survival-Horror. Nicht alles davon funktionierte wirklich gut. Gerade die offene Welt wirkte teilweise größer, als sie eigentlich sein musste, war stellenweise zu leer und wenig belebt. Nach kurzer Zeit hatte ich irgendwann das Gefühl, als kannte ich jede zweite Straßenecke.
The Sinking City 2 wirft einen großen Teil davon über Bord und konzentriert sich deutlich stärker auf klassischen Survival-Horror. Ressourcenknappheit, Inventarmanagement, verschlossene Wege, Abkürzungen und Rätsel stehen diesmal wesentlich stärker im Fokus. Und ja: Wer in den vergangenen Jahren ein modernes Resident Evil gespielt hat, wird sich ziemlich schnell heimisch fühlen.
Ich bewege mich durch relativ klar abgegrenzte Gebiete, suche Schlüssel und Gegenstände, öffne neue Wege, kehre gelegentlich in bereits besuchte Räume zurück, löse Rätsel und überlege mir zweimal, ob ich meine letzten Patronen wirklich in das Ding investieren möchte, das da gerade ziemlich ungesund auf mich stolpert. Das Rad wird hier definitiv nicht neu erfunden.

Die Geschichte
Auch erzählerisch beginnt Frogwares weitgehend neu. Charles Reed, der Protagonist des ersten Spiels, darf sich von seinen Erlebnissen in Oakmont erholen. Diesmal spiele ich Calvin Rafferty.
Gemeinsam mit seiner Partnerin Faye Bennett hat sich Calvin mit Dingen beschäftigt, bei denen jeder halbwegs vernünftige Mensch spätestens die Beine in die Hand genommen hätte. Natürlich geht die Sache schief. Faye fällt in einen mysteriösen Zustand, ihre Seele wird in den sogenannten Dreamlands gefangen gehalten. Für Calvin gibt es deshalb nur noch eine vernünftige beziehungsweise vollkommen unvernünftige Option: Er muss ein weiteres gruseliges Ritual durchführen. Klar. Verstehe ich. Total nachvollziehbar.
Diesmal führt mich die Geschichte nach Arkham. Fans des beliebten Horror-Autors Lovecraft dürften bei dem Wort „Arkham“ sofort hellhörig werden. So ist es doch die wohl berühmteste Stadt im Horror-Kosmos.
Die Stadt versinkt nach einer übernatürlichen Flut langsam im Wasser. Große Teile wurden bereits evakuiert, Straßenzüge sind abgesoffen und zwischen verlassenen Wohnhäusern, Krankenhäusern und Geschäften breitet sich etwas aus, das ganz offensichtlich nicht auf den örtlichen Wetterbericht zurückzuführen ist. Eine wurmartige Kreatur namens Slither befällt Leichen und erweckt sie wieder zum Leben – was die ohnehin schon ziemlich miserable Wohnsituation in Arkham nicht unbedingt verbessert.
Was zunächst als persönliche Rettungsmission beginnt, führt Calvin entsprechend immer tiefer in den eigentlichen Albtraum hinter der Katastrophe. Dabei funktioniert die Geschichte für mich vor allem deshalb, weil sie persönlicher aufgezogen ist als im Vorgänger. Calvin untersucht nicht einfach irgendeinen mysteriösen Fall. Er hat einen handfesten Grund, immer weiterzugehen, obwohl ihm eigentlich jeder Instinkt sagen müsste: Junge, steig ins Boot und fahr einfach in die andere Richtung. Auch wenn die Prämisse der Story natürlich relativ klassisch ist.
Gleichzeitig nutzt Frogwares die Geschichte natürlich als Eintrittskarte in den lovecraftschen Giftschrank. Traumreiche, groteske Kreaturen, deren Namen man nicht aussprechen kann, okkulte Rituale und die unvermeidliche Frage, ob das, was Calvin gerade sieht, überhaupt noch mit menschlicher Logik zu erklären ist.
Wer den Vorgänger nicht kennt, muss übrigens keine Angst haben. Die Geschichte steht weitgehend für sich. Man kann problemlos mit dem zweiten Teil einsteigen.
Arkham ist der eigentliche Star
Denn so ordentlich die Geschichte funktioniert: Der Grund, weshalb ich immer wieder weiterspielen wollte, heißt Arkham. Diese Stadt ist einfach herrlich unangenehm.
Wenn ich mit meinem kleinen Boot durch eine ehemalige Straße fahre, links und rechts nur noch die oberen Etagen alter Häuser aus dem Wasser ragen und irgendwo in der Ferne etwas schreit, schießt, läutet oder brennt dann funktioniert The Sinking City 2 für mich am besten.

Noch stärker wird das Ganze in Innenräumen. Die beräumte Miskatonic-Universität. Dunkle Wohnungen. Halb überflutete Keller. Enge Flure, bei denen ich schon beim Betreten weiß, dass gleich irgendwo etwas aus einer Ecke gekrochen kommt. Und trotzdem gehe ich weiter. Immer langsam, immer mit gezogener Waffe (von denen es übrigens ein überschaubares Arsenal gibt). Vielleicht noch einmal kurz hinter mich schauen. Man weiß ja nie.
Gerade dieses permanente Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, beherrscht Frogwares ausgesprochen gut. Das Spiel muss mir nicht alle fünf Minuten ein Monster ins Gesicht werfen. Manchmal reichen ein Geräusch aus dem Nebenzimmer, ein seltsam beleuchteter Raum oder eine Tür, die ein bisschen zu demonstrativ offensteht. Das ist für mich ohnehin guter Horror. Nicht das hundertste Jumpscare-Gewitter, sondern dieses kleine, nervige Gefühl im Hinterkopf: Da kommt noch was.
Keine technische Revolution, dafür aber verdammt stimmungsvoll
Technisch spielt The Sinking City 2 nicht ganz in derselben Liga wie die ganz großen AAA-Produktionen. Das sieht man. Gesichter, Animationen und manche Oberflächen erreichen nicht durchgehend das Niveau der teuersten Genrevertreter. Gerade Calvin verursacht bei mir immer wieder einen unschönen Uncanny-Valley-Effekt. Dafür besitzt das Spiel etwas, das mir persönlich wesentlich wichtiger ist: eine klare visuelle Identität.
Frogwares setzt auf die Unreal Engine 5 und nutzt sie vor allem für Beleuchtung, dichte Umgebungen und die Darstellung des überfluteten Arkham. Nasse Straßen, Nebel, modrige Räume, schmutziges Wasser und die Architektur der 1920er passen hervorragend zusammen. Die Stadt sieht nicht einfach so aus, als hätte jemand ein paar Horror-Requisiten aufgestellt. Sie wirkt tatsächlich wie ein Ort, an dem einmal Menschen gelebt haben – bevor alles buchstäblich den Bach runterging.

Ganz sauber ist die technische Seite allerdings nicht. Hier und da fallen weniger detaillierte Texturen oder etwas steife Animationen auf. Auch die Performance ist nicht in jeder Situation vollkommen makellos. Aber ich ertappte mich trotzdem regelmäßig dabei, einfach stehenzubleiben und mir Arkham anzusehen.
Schießen, ausweichen, überleben. Bewährtes Rezept und wenig frische Ideen.
Spielerisch geht Frogwares ebenfalls keine großen Experimente ein. Munition ist wertvoll, das Inventar begrenzt und Kämpfe wollen zumindest ein bisschen geplant werden. Dazu kommen Ausweichbewegungen und verschiedene Waffen, während Crafting und Ressourcenmanagement dafür sorgen sollen, dass ich nicht einfach mit Dauerfeuer durch Arkham marschiere.
Die Kämpfe funktionieren, mehr aber auch nicht immer. Das Gunplay ist deutlich brauchbarer als noch im ersten Teil, trotzdem würde ich The Sinking City 2 sicherlich nicht wegen seiner Feuergefechte empfehlen. Dafür fehlt den Waffen manchmal einfach der letzte Punch und auch die Gegnervielfalt könnte größer sein. Nach einigen Stunden weiß ich ziemlich genau, was mir in den nächsten Räumen vermutlich wieder entgegenkommen wird. Wirklich störend fand ich das allerdings selten. Denn das Spiel schafft es, Kämpfe sinnvoll in seine Ressourcenökonomie einzubinden. Nicht jeder Gegner muss sterben. Manchmal ist Vorbeilaufen schlicht die bessere Entscheidung.
Und spätestens wenn noch drei Patronen im Magazin stecken, zwei Kreaturen im Raum stehen und irgendwo hinter mir schon das nächste Vieh Geräusche macht, wird aus einem durchschnittlichen Kampfsystem plötzlich ziemlich guter Survival-Horror.

Die „Rätsel“
Natürlich darf auch gerätselt werden. In keinem guten Survival-Horror dürfen mitunter absurde Rätsel fehlen. Wie oft haben wir uns nicht alle schon, beispielsweise in Spencers Villa aus der beliebten Resident-Evil-Reihe, gefragt, wieso man sein Badezimmer mit einem herzförmigen Schlüssel abschließt, der hinter einem Bild versteckt ist, das sich erst öffnet, wenn man das Geburtsdatum vom Hund des Hausbutlers eingibt.
Mal suche ich Hinweise, mal kombiniere ich Informationen, dann wieder muss irgendein Mechanismus aktiviert oder ein bestimmter Gegenstand gefunden werden. Damit bleibt zumindest ein kleiner Teil jener Detektiv-DNA erhalten, für die Frogwares eigentlich bekannt ist. Aber die Qualität schwankt. Einige Rätsel sind wirklich nett konstruiert und passen hervorragend in ihre Umgebung. Andere gehören eher in die Kategorie: „Natürlich braucht diese Tür jetzt genau diesen einen Gegenstand.“ Survival-Horror eben. Manchmal muss man einfach akzeptieren, dass Menschen in Videospielen offenbar grundsätzlich keine normalen Türschlösser kaufen.
Gestört hat mich das kaum. Die Rätsel lockern das Tempo auf und sorgen dafür, dass ich nicht permanent nur von Raum zu Raum laufe und Monster erschieße. Genau diese Mischung aus Erkunden, Kämpfen, Ressourcen sammeln und kurzen Denkpausen trägt das Spiel.

Ende gut, alles gut?
Nur hatte ich während meiner Reise durch Arkham immer wieder diesen Gedanken: Das kenne ich doch irgendwoher. Hier ein bisschen Resident Evil. Dort eine Prise Silent Hill. Dazu Frogwares’ Lovecraft-Interpretation und fertig ist ein Survival-Horror-Cocktail, der ausgesprochen gut schmeckt, dessen Zutaten ich aber ziemlich genau benennen kann.
Das ist besonders interessant, weil der erste The Sinking City eigentlich das umgekehrte Problem hatte. Der Vorgänger wollte manchmal zu viel. Open World! Ermittlungen! Dialoge! Rollenspielelemente! Kämpfe! Horror! Und nicht alles davon hat funktioniert.
Der zweite Teil ist wesentlich fokussierter, technisch besser und spielerisch runder. Gleichzeitig geht dabei ein kleines Stück jener Eigenwilligkeit verloren, die den ersten Teil für mich so interessant gemacht hat. Das ist ein seltsamer Tausch. Und ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, welche Variante ich lieber mag. Trotzdem hatte ich Spaß. Durchgehend.
Selbst wenn ich wusste, dass dieses Rätsel nichts revolutionieren wird. Selbst wenn mir klar war, dass hinter der nächsten Ecke wahrscheinlich wieder ein Gegner wartet. Selbst wenn das Spiel ganz offen zeigt, bei welchen großen Namen des Genres es sich bedient. Ich hatte einfach eine Menge Spaß.

Fazit
The Sinking City 2 ist für mich nicht die große Neuerfindung des Survival-Horrors. Muss es auch nicht sein. Frogwares verabschiedet sich von einem großen Teil der Open-World- und Detektivambitionen des Vorgängers und liefert stattdessen ein wesentlich konzentrierteres Horrorspiel. Das funktioniert spielerisch besser, kostet die Reihe aber ein wenig von ihrer früheren Eigenständigkeit.
Dass dieses Spiel zudem unter den Bedingungen eines andauernden Krieges entstanden ist, verdient Respekt. Es macht Schwächen im Spiel nicht automatisch besser und sollte auch keine Wertungspunkte schenken. Aber es gehört zur Geschichte von The Sinking City 2 dazu. Ich bekomme ein hervorragend inszeniertes Arkham, klassischen Survival-Horror, eine persönliche Geschichte und genau die Sorte kosmischen Wahnsinn, wegen der ich überhaupt zurückkehren wollte.
The Sinking City 2 [digital] erwerben (Hinweis: Eine Retail-Fassung existiert nicht):
The Sinking City 2 [PC / Steam]
