Verluste wiegen schwer – wenn nicht einzeln, tröpfchenweise, dann gebündelt. Tröpfchen aber bilden Meere. Und manchmal reicht bloß ein weiterer Tropfen, damit wir zumindest zeitweise den Boden unter den Füßen verlieren und in Abgründe zurücksinken, die wir möglicherweise längst vergessen geglaubt haben.
Dort begegnen wir dem, was lange zurückliegt: Menschen, deren Stimmen in unserer Erinnerung leiser werden. Viele Anfänge und auch immer wieder die Enden – das Ende einer Liebe, das Ende eines Lebens, das Ende der Gesundheit, das Ende einer gemeinsamen Familie, oder das Ende von Lebensphasen – dazwischen auch immer viel Warterei auf dieses vage Ding, oder vielleicht den erhofften Neubeginn. „Es gibt kein Endlos. (…)“ sinniert die Erzählerin in der Graphic Novel „Alles in Allem“, „(…) in Wirklichkeit hört jedes Warten irgendwann auf.“
Bis etwas geschieht. Eine subtile, oder auch ganz und gar brachiale Zäsur. Und plötzlich ist mit dieser auch vieles von dem wieder da, was wir längst überwunden glaubten.
Dieses Gefühl – dass durch etwas vielleicht nicht ganz Begreifliches, etwas womöglich Willkürliches – eine Kette von Assoziationen und Retrospektiven auf die eigene Sozialisation eröffnet wird – ist die Ausgangslage von „Alles in Allem“, dem Comic-Debüt der Schweizer Illustratorin und Autorin Julia Trachsel, welcher im letzten Monat in der Edition Moderne erschienen ist.
Die Unausweichlichkeit des Verlustes
Die Graphic Novel wird autofiktional erzählt – die namenlose Ich-Erzählerin beginnt mit einem Ende: An einem drückenden Sommertag im August wird sie Zeugin davon, wie ein Mensch stirbt. Ein etwas älterer Mann stolpert und stürzt unglücklich auf die Straße – sie rennt hin, doch zu spät – ein Bus fährt ein und erfasst ihn. Einfach so – ein kurzer Moment. Dieser Mann hat im Grunde nichts mit ihrem Leben zu tun, noch wenige Augenblicke zuvor war sie bloß „auf der Suche nach einem Kaffee“ – und doch ist ein solch tragischer Moment natürlich eine Zäsur. Wie sie da im Anschluss also auf der Polizeiwache sitzt und das Erlebte zu Protokoll gibt, und wie sich die aufnehmenden Polizeibeamten in ungelenker Empathie versuchen, so spannt sie in abschweifenden Gedanken den Bogen zurück: zu den jeweiligen Endpunkten in ihrem Leben.

In verschiedenen Episoden erinnert sie sich an existenziell tiefgreifende Ereignisse in ihrem Leben, und die Alltäglichkeiten, die geprägt haben: Vom ersten kindlichen Schmerzempfinden, das die Benchmark für die späteren Empfindungen bildet. Schürfwunden und Narben, die man als Kind stolz trägt, um zu zeigen, was man alles zu ertragen imstande ist. Von den knuffigen Häschen, für die Verantwortung übernommen wurde, die man in kindlicher Verantwortungslosigkeit aber doch als Bürde empfindet und mal absichtlich, mal versehentlich vergisst. Vom Verhältnis zu den Eltern – das mal liebevoll-morbide ist, wenn der Vater – ein Koch – mit etwas Salz ein dunkelrotes, totes Fischherz noch ein letztes Mal zum Schlagen bringt, und so manches mal was Schmerzhaftes offenbart, wenn er nach der Arbeit noch im Auto sitzt und wartet, bis alle schlafen; vom routiniert-effizienten Arbeitsalltag der Mutter, die muskulös und stark eine Erhabenheit ausstrahlt, die einschüchtert, aber auch Sicherheit vermittelt. Und vom Ende der Liebe zwischen diesen beiden wichtiges Bezugspersonen – Und natürlich auch der alte Tod, der schon früh und gewaltsam in das Leben der Protagonistin eindrang, als ihre beste Freundin Krebs – einen Gehirntumor – diagnostiziert bekam.
All diese Gedanken verbinden sich mit dem erlebten verheerenden Busunfall zu einem zusammenhängenden Narrativ – Der Verlust und das Vergängliche, die Trauer finden in Repetition statt, Leben ist eine Abfolge an Enden, an die sich Neubeginne zwangsläufig heften. Eine durchaus fatalistische Perspektive.
Aber Trachsel hinterfragt im Rahmen der „Handlung“ die Kontinuität dieses Fatalismus und stellt die Bedeutung von Erzählungen heraus: Erschütterungen in unseren Leben sind erinnerungstechnisch Momentaufnahmen, an deren Wirklichkeit nie wirklich herangereicht wird – nicht in Texten, nicht in Bildern, nicht in Filmen und nicht in Musik. Es gibt – so scheint es – die bloße Linearität, dass ein Leben beginnt und endet, alles andere ist nicht greifbar. ABER: Vielleicht hat die Verdichtung unseres Verlustes, die Erzählung, gar nicht den Zweck, die Wirklichkeit abzubilden, sondern sinnstiftend zu sein – in der Erzählung erhalten Verluste ihre Bedeutung, dadurch werden sie eben nicht nur Abfolge, sondern ein ganzes Leben.

Insofern ist diese melancholische Aneinanderreihung von Anekdoten auch eine Meta-Erzählung, wie man künstlerisch mit Trauer und Trauma umgehen kann, und wie man den drohenden fatalistischen Kreislauf durchbrechen kann. Die Episoden sind assoziativ, aber unterliegen einem Rahmen, der über weite Strecken etwas Unversöhnliches, einen gewissen Trotz, einen Zorn über die unerbittliche Repetition von Verlusterfahrungen in einem menschlichen Leben ausstrahlt. Erst auf den letzten Seiten scheint sich dieses Gefühl aufzumildern. Die Erzählweise ist poetisch und konzeptuell durchdacht – Tonal bewusst wortkarg und sperrig bis lakonisch gehalten, schafft Julia Trachsel es mit „Alles in allem“ dennoch zu berühren, weil die Empfindungen der Protagonistin zutiefst menschlich sind.
Die Unruhe in der Ordnung
Auch künstlerisch wirkt „Alles in Allem“ im Einklang mit der Erzählung – Julia Trachsel bringt einen Illustrationsstil mit, der zugleich körperlich, intim und in seiner formalen Strenge distanziert und unnahbar wirkt. Die in Schwarz/Weiß und Graustufen gehaltenen Bleistift- und Graphit-Zeichnungen wirken roh – dichte, stark gesetzte Schraffuren; unruhige, wackelige Konturen und eher unperfekte menschliche Körper mit breiten, expressiven Gesichtern bilden den Kontrast zum strengen Panel-Raster, das in der Regel in 12 Bildausschnitte unterteilt ist – wovon häufig 1 – 6 Felder für den begleitenden Text entfallen, die im dominanten Grünton und einem strengen Font (geht in Richtung Bodoni 72) mit kantigen Serifen gehalten sind. Nur selten wird das Schema – etwa auf Doppelseiten – unterbrochen.
Der eher grobe, raue Stil – der mich stellenweise an die Bildwelt von Anke Feuchtenberger erinnert, wenngleich er nicht ganz so verrätselt daherkommt wie etwa bei hure h oder Genossin Kuckuck – wirkt expressiv und gefühlsbeladen, die strenge formale Anordnung hält die ambigue Gefühlswelt allerdings in Schach und bildet dadurch Distanz.

Interessant ist auch der Close-Up-lastige Fokus auf Körper und einzelne Körperpartien und weniger auf Gesichter – das Gesicht der Protagonistin in ihrer Retrospektive auf die Kindheit ist weitgehend das einzige klare Gesicht, das wir sehen. Ob der alte Mann, der stürzt; die Mutter mit muskulöser Statur, die an Krebs erkrankte beste Freundin – sie alle bleiben vage. Schuhe, Pyjamahosen, Krawatten, Zigaretten – schwitzig und arbeitsam. Auch die Polizisten auf der Wache werden auf ihre Uniform, auf ihre behaarten Hände, auf ihre kantigen Kinne und schmatzenden Münder reduziert. Es sprechen alle über Verluste und Schmerz in der einen oder anderen Weise, zugleich wirkt der Alltag beiläufig und unbarmherzig automatisiert.

Trotzdem haben in der Erinnerung der Protagonistin vor allem die körperlichen Gesten einen fixen Platz, die Unscheinbarkeiten haben ein größeres Gewicht, als man ihnen vielleicht zunächst beimisst – die Verletzlichkeit findet nicht immer in den bitterlichen Tränen Platz, sondern in der schwitzigen Hand des Vaters, die schon seit Jahren nicht mehr auf der Schulter geruht hat.
Ich find, die Bildsprache von Julia Trachsel – intim und gleichsam unnahbar – passt sehr gut zur Erzählweise der Graphic Novel – Sie verknüpft das Banale, den Automatismus des Weiterlebens mit dem existenziellen Verlust. Als würde unter dem Alltag immer die Unruhe warten – aber auch hier: Das Ende wirkt dann doch versöhnlich.
Aufmachung
Edition Moderne veröffentlicht „Alles in Allem“ als Soft Cover. Zwar hätte ich mir eine HC-Fassung gewünscht, aber grundsätzlich ist die Graphic Novel trotzdem hübsch aufgemacht und macht sich gut im Bücherregal.
Die spartanische Farbgebung, der kantige Font in grüner Farbe und die formale Strenge wirken stilsicher. Das Papier ist angenehm dick, der Druck ist sauber, das Lettering qualitativ hochwertig. Das ist bei Edition Moderne aber durchaus die Regel.
Ein besonderes Highlight im Buchregal ist der grüne Farbschnitt, den ich wirklich sehr hübsch finde. Allerdings muss ich gestehen, dass ich den aufgerufenen Preis der Graphic Novel in Höhe von 28 EUR eher auf der teuren Seite empfinde. 224 Seiten als Paperback hätte ich eher im niedrigeren 20er Bereich angesiedelt, und es dann als fair betrachtet.
Fazit
Mit „Alles in Allem“ gelingt Julia Trachsel ein sehr menschliches, irgendwie zärtlich-stoisches Comic-Debüt über die Verluste, die sich in einem Leben ansammeln und über das Erzählen als Versuch, mit ihnen weiterzuleben. Die wortkarge, mitunter sperrige Erzählweise und die rauen Graphitzeichnungen halten dabei eine sehr spezifische Spannung zwischen Nähe und Distanz: Körper und Gesten werden unmittelbar greifbar, während das strenge Panel-Raster die Unruhe der Erinnerungen einzufassen versucht. Besonders stark ist die Graphic Novel dort, wo eine beiläufige Beobachtung plötzlich das Gewicht einer ganzen Beziehung trägt.
Trachsel fordert Aufmerksamkeit von der Leserschaft ein, und die Bereitschaft, sich auf die nüchterne Wucht ihrer Geschichte einzulassen. Gerade dadurch wirkt die vorsichtige Versöhnlichkeit am Ende umso bemerkenswerter, als hätte man den Reflexionsprozess selbst mitgemacht. Die Verluste bleiben, aber im Erzählen verändert sich ihr Zusammenhang: Aus den vielen Enden treten auch die Menschen, Berührungen und gemeinsamen Momente hervor, die ein Leben ausmachen.
Die schöne Gestaltung samt grünem Farbschnitt rundet den Band ab; nur die 28 Euro für ein Paperback bleiben für mich ein Wermutstropfen. Hier hätte ich mir von Edition Moderne eine HC-Fassung für diesen Preis gewünscht.
ISBN-10 3907762002
ISBN-13 978-3907762004
Umfang: 224 Seiten, farbig
Maße: 16.9 x 1.7 x 22.8 cm
Softcover Paperback
Preis: EUR 28,00, erschienen bei Edition Moderne
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